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Ausstellungsgespräch | Museum Fünf Kontinente München

Krishna zwischen Religion, Kunst und Popkultur

Die Sonderausstellung „Krishna. Religion, Kunst und Popkultur“ im Museum Fünf Kontinente zeigt anhand von über 100 Objekten die religiöse, ikonografische und kulturelle Vielfalt der hinduistischen Gottheit Krishna – von historischen Ritualobjekten bis hin zu globaler Popkultur. Über die Konzeption der Ausstellung, die Vielschichtigkeit Krishnas und die Herausforderungen kuratorischer Arbeit haben wir mit den beiden Kurator*innen Dr. Patrick Felix Krüger und Anne Hartig gesprochen.
Die Faszination Krishna

Krishna gehört zu den populärsten Gottheiten des Hinduismus. Was macht ihn aus Ihrer Sicht bis heute so faszinierend und universell anschlussfähig?

Anne Hartig: Krishna gehört zu den am weitesten verbreiteten Gottheiten in den modernen hinduistischen Traditionen und wird als eine der wenigen hinduistischen Gottheiten auch über die Grenzen Indiens hinaus verehrt. Darüber hinaus hat Krishna seit dem 18. Jahrhundert europäische Denker wie Johann Gottfried Herder, Johann Wolfgang von Goethe und Arthur Schopenhauer inspiriert und fasziniert.

Patrick Felix Krüger: Er ist gerade deshalb so universell anschlussfähig, weil er sich nicht auf eine einzige Rolle oder einen einzigen Zugang zum Göttlichen festlegen lässt. Er ist zugleich Gott, Mensch, Lehrer, Freund und Liebender. Und mit Themen wie Liebe, Selbstverwirklichung, Pflicht und dem Umgang mit inneren Konflikten berührt er Fragen, die weit über den indischen Kontext hinausweisen.


Einstieg: Wer ist Krishna?

Krishna gilt als eine der vielgestaltigsten Figuren des Hinduismus. Was war für Sie persönlich der spannendste Zugang zu dieser Gottheit?

Patrick Felix Krüger: Als Indologe und Kunsthistoriker bewege ich mich stets zwischen Textüberlieferung und visueller Darstellung bzw. Materialität. In der kunstwissenschaftlichen Forschung besteht längst Konsens darüber, dass Bild und Objekt nicht einfach „Übersetzungen“ von Textinhalten sind. Häufig entstehen vielmehr zunächst die Bilder, um die herum die textliche Überlieferung komponiert wird. Diese beiden Ebenen in einer Ausstellung zusammenzuführen, ist eine Herausforderung – für mich aber zugleich eine der spannendsten Aufgaben beim Kuratieren.

Anne Hartig: Der für mich spannendste Zugang zu der Gottheit kam aus den Gesprächen mit Personen, in deren Leben Krishna eine zentrale Rolle spielt. In der Ausstellung greifen wir diesen Zugang in mehreren Videos auf. Zum Beispiel in einem Video mit Shweta Dixit, die Krishna in der Form eines Baby verehrt. Das Video zeigt deutlich, die Verbindung zwischen Krishna-Darstellungen und lebendiger Verehrungspraxis.

Die Ausstellung beschreibt Krishna als göttlichen Helden, Liebhaber und Lehrer. Welche dieser Rollen ist aus Ihrer Sicht heute besonders präsent?

Anne Hartig: Die unterschiedlichen Ebenen Krishnas als göttlicher Held, Liebhaber und Lehrer sind vor allem für eine akademische Betrachtung hilfreich. Gläubige verstehen Krishna hingegen eher in seiner Gesamtheit oder beziehen sich in ihrer persönlichen Verehrung auf denjenigen Aspekt, der ihnen besonders nahe ist, beispielsweise auf Krishna als göttliches Kind oder Baby Krishna.

Patrick Felix Krüger: Wir versuchen, in der Ausstellung möglichst alle der genannten Facetten abzubilden, konzentrieren uns aber auf die visuellen und kunsthistorischen Dimensionen der Krishna-Verehrung. In diesem Zusammenhang ist insbesondere seine Rolle als göttlicher Liebhaber und seine Beziehung zu Radha und den Gopis in der Kunstgeschichte besonders präsent. Diese Darstellung bildet jedoch nur einen Teil der vielfältigen Weisen ab, in denen Krishna religiös verstanden und verehrt wird.

Viele Menschen in Europa kennen Krishna vor allem aus Popkultur, Yoga- oder Meditationskontexten. Wie unterscheidet sich dieses Bild von den religiösen Traditionen in Indien?

Patrick Felix Krüger: Das Krishnabild in Europa und Nordamerika ist größtenteils durch zeitgenössische visuelle Darstellungen geprägt. Für die Yoga- und Popkultur ist diese moderne und meist sehr farbenfrohe Ausformung Krishnas gut anschlussfähig, da sie an bestehende Vorstellungen über hinduistische Traditionen anknüpft.

Anne Hartig: Gleichzeitig existiert rund um Krishna eine vielfältige, teils „volkstümliche“ Verehrungskultur, etwa die Verehrung des Baby-Krishna, die europäischen Vorstellungen häufig fremd erscheint. Daneben gewinnen die aus dem Westen nach Indien zurückgetragenen Krishna-Traditionen, insbesondere die Hare-Krishna-Bewegung, seit einiger Zeit auch in Indien zunehmend an Zulauf.

Krishna erscheint gleichzeitig menschlich und göttlich. Warum ist gerade diese Verbindung für Gläubige so bedeutend?

Anne Hartig: Ich glaube, gerade diese Verbindung macht Krishna für viele Gläubige so nahbar und gleichzeitig so faszinierend. Er wird als göttlich verehrt, begegnet den Menschen aber in einer menschlich erfahrbaren Form, also mit Gefühlen, Beziehungen, Freude und auch Herausforderungen.

Patrick Felix Krüger: Dadurch entsteht die Vorstellung, dass das Göttliche nicht etwas völlig Fernes und Unerreichbares ist, sondern dem Menschen ganz nahekommen kann. Für Gläubige kann Krishna deshalb zugleich Vorbild, Wegweiser und eine persönliche Beziehung zum Göttlichen sein. Diese Verbindung von Menschlichkeit und Göttlichkeit gibt vielen Menschen Trost und Orientierung und macht ihren Glauben im Alltag unmittelbar erfahrbar. 


Die Idee der Ausstellung: Vom Mythos zur Gegenwart

Die Ausstellung beschreibt Krishna zugleich als göttlichen Helden, Liebhaber und Lehrer. Welche dieser Rollen begegnet Besucher*innen heute am stärksten?

Patrick Felix Krüger: Das lässt sich vermutlich gar nicht so eindeutig auf eine der drei genannten Ebenen festmachen. In der heutigen Wahrnehmung erscheinen diese Facetten Krishnas meist miteinander verbunden. Und viele Besucher:innen sind Krishna wahrscheinlich schon auf die eine oder andere Weise begegnet. Da spielt natürlich auch das Alter eine Rolle. Für Menschen, die in den 1990er-Jahren aufgewachsen sind, war Krishna zum Beispiel durchaus Teil der Popkultur – etwa durch Bands wie Jesus Loves You oder Kula Shaker.

Anne Hartig: Jüngere Menschen kennen Krishna vielleicht eher aus dem Kontext des Kirtan- oder Mantrasingens. Ältere Besucher:innen erinnern sich dagegen möglicherweise eher an die Hare-Krishna-Anhänger:innen, die in den Innenstädten tanzten, sangen oder Informationsmaterial verteilten. Und vielleicht auch an die „Sektenbeauftragten“, die damals Jugendliche vor ihnen warnten.

War es schwierig, eine so vielgestaltige Figur wie Krishna in einer Ausstellung zu bündeln, ohne sie zu vereinfachen?

Anne Hartig: Es ist immer eine Herausforderung, ein komplexes Thema in einer Ausstellung zu vermitteln, ohne es durch Vereinfachungen oder Verallgemeinerungen zu verfälschen. Besonders gilt das für ethnologische Museen, deren Ausstellungen häufig von Besucher:innen ohne entsprechendes Hintergrundwissen besucht werden. Das notwendige Kontextwissen muss daher in sehr zugespitzter und komprimierter Form vermittelt werden, ohne dabei den Blick auf die Objekte zu verstellen.

Patrick Felix Krüger: Gleichzeitig erhebt eine Ausstellung keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Wir beleuchten anhand ausgewählter Objekte bestimmte Aspekte Krishnas und bieten damit einen Einblick in das Thema, können und wollen jedoch selbstverständlich kein umfassendes Wissen darüber vermitteln. 


Zur Konzeption der Ausstellung: Zwischen Religion und Museum

Wie entstand die Idee, Krishna eine eigene große Sonderausstellung zu widmen?

Anne Hartig: Die Dauerausstellung zeigt bereits seit geraumer Zeit keine Exponate mehr aus den Religionen und Kulturen Indiens. Daher lag es nahe, eine Ausstellung zu diesem Themenbereich zu konzipieren. Krishna ist dabei zum einen die Gottheit, zu der sich zahlenmäßig die meisten Artefakte in unserer Sammlung befinden. Zum anderen ist Krishna eine Figur, die inzwischen auch außerhalb Indiens bekannt ist.

Patrick Felix Krüger: Ihr Name ist vielen Menschen vertraut, und auch Darstellungen Krishnas sind im Westen weit verbreitet. Das Wissen über die Figur und ihre vielfältigen Bedeutungen ist hingegen weniger stark ausgeprägt. Deshalb haben wir uns entschieden, eine vermeintlich bekannte Figur in den Mittelpunkt zu stellen und dabei ihre vielen, bislang weniger bekannten Facetten zu zeigen.

Die Ausstellung verbindet religiöse Praxis, Kunstgeschichte und Popkultur. War es schwierig, diese Ebenen kuratorisch zusammenzubringen?

Patrick Felix Krüger: Als Kurator:innen denken wir die Ausstellung immer vom Objekt her. Dabei handelt es sich meist um Objekte, die kunsthistorisch relevant sind und aus diesem Grund in der Vergangenheit gesammelt wurden. Gleichzeitig haben die meisten Objekte auch einen religiösen Kontext. Die Ebenen von Kunstgeschichte und religiöser Praxis sind daher kaum voneinander zu trennen und in den Objekten selbst enthalten – je nach Perspektive, aus der man sie betrachtet.

Anne Hartig: Für Gläubige steht dabei die rituelle Funktion im Vordergrund, während diejenigen, die die Objekte für das Museum gesammelt haben, sie möglicherweise nach kunsthistorischen Kriterien ausgewählt haben. Ein Objekt ist daher zugleich religiöser Gegenstand und Kunstobjekt. Das gilt auch für die Gegenstände aus dem Bereich der Popkultur. Auch sie vereinen beide Ebenen in sich, selbst wenn dies auf den ersten Blick nicht immer unmittelbar sichtbar ist.

Nach welchen Kriterien haben Sie die über 100 Objekte ausgewählt? 

Patrick Felix Krüger: Bei der Objekt Auswahl standen zunächst inhaltliche und narrative Kriterien im Vordergrund. Welche Objekte erzählen die Geschichte von Krishna anschaulich und eindrücklich.

Anne Hartig: Neben diesen inhaltlichen Kriterien spielen auch objektbezogene Kriterien eine wichtige Rolle. Ist der Erhaltungszustand eines Objektes gut genug um es mehrere Monate in einer Ausstellung zu präsentieren und haben wir die technischen Möglichkeiten es zu zeigen? 

Gibt es ein Objekt, das für Sie die Ausstellung besonders gut zusammenfasst?

Anne Hartig: Für die Ausstellung haben wir nach einem Key-visual gesucht und uns schließlich für die weiße Marmorfigur des flötenspielenden Krishna entschieden. Sie ist auf den Plakaten abgebildet und „empfängt“ die Besucher am Beginn der Ausstellung. Die Darstellung Krishnas vereint zentrale Aspekte der Ausstellung: Sie verweist zum einen auf die Hirtenkultur in Vrindavana, wo Krishna aufwuchs, und zum anderen auf seine Rolle als göttlicher Liebhaber, der die Hirtinnen mit seinem Flötenspiel verzaubert.

Patrick Felix Krüger: In derselben Körperhaltung wird Krishna als Flöte spielender Kuhhirte sowie göttlicher Liebhaber auf zahlreichen Exponaten der Ausstellung dargestellt. Zugleich thematisiert die Figur das Spannungsfeld zwischen Krishna als Mensch und als Gott, da die Gottheit hier in menschlicher Gestalt erscheint. Der menschliche Körper als Metapher für die bildliche Darstellung des Göttlichen war ein Thema, das uns während der gesamten Ausstellungsplanung begleitet hat. 


Bildwelten und Symbolik: Warum Krishna fast immer blau ist

Krishna wird meist mit dunkelblauer Haut und Flöte dargestellt. Welche Symbolik steckt hinter diesen ikonischen Merkmalen?

Anne Hartig: Der Name Krishna lässt sich aus dem Sanskrit mit „dunkel“ oder „schwarz“ übersetzen. Dies ist zunächst nicht unmittelbar als Verweis auf seine Hautfarbe zu verstehen. In der bildlichen Darstellung hat sich jedoch eine entsprechende Farbgebung etabliert. Insbesondere seit dem 16. Jahrhundert wird Krishna in der indischen Miniaturmalerei häufig mit dunkelblauer Haut dargestellt, wobei sich daneben auch Darstellungen finden, in denen seine Haut schwarz wiedergegeben wird.

Patrick Felix Krüger: Die Flöte verweist aus religionsgeschichtlicher Perspektive und im Kontext der Krishnalegende auf seine enge Verbindung zur Hirtenkultur, in der Krishna der Überlieferung zufolge aufwuchs. In der Figur Krishnas haben sich verschiedene Elemente nordindischer Hirtenkulturen erhalten. Die Flöte kann dabei als ein besonders prägnantes kulturelles und ikonografisches Merkmal verstanden werden, das diese Verbindung sichtbar macht.

Die Ausstellung zeigt sehr unterschiedliche Krishna-Darstellungen aus verschiedenen Regionen und Zeiten. Was erzählen diese Unterschiede über den Hinduismus selbst?

Patrick Felix Krüger: Die Vielschichtigkeit Krishnas zwischen Mensch, Gott und Held sowie seine verschiedenen Erscheinungsformen, etwa als Shrinathji oder Jagannath, zeigt im Kleinen, wie vielfältig und facettenreich die hinduistischen Traditionen sind.

Anne Hartig: Es wird daran deutlich, dass der Hinduismus keine einheitliche Glaubensform ist, sondern von regionalen Ausprägungen, unterschiedlichen Frömmigkeitspraktiken und lebendigen religiösen Deutungen geprägt wird.

Besonders hervorgehoben werden die großformatigen Pichwai-Wandbehänge. Warum spielen sie in der Ausstellung eine so wichtige Rolle? 

Anne Hartig: Das Museum besitzt eine Sammlung von Pichwais, die bislang noch nicht ausgestellt wurden. Daher lag es nahe, diese in die Ausstellung zu integrieren. Zugleich sind Pichwais ein wichtiger Bestandteil der Verehrungspraxis: In der Pushtimarg-Tradition werden sie insbesondere hinter den Kultbildern von Shrinath in den Tempeln aufgehängt.

Patrick Felix Krüger: Shrinath ist eine Manifestation Krishnas, die seit dem 17. Jahrhundert insbesondere in Nathdwara in Rajasthan verehrt wird. Die Malereien der Pichwais stellen Shrinathji in einen unmittelbaren Zusammenhang mit Episoden der Krishna-Legende und schaffen zugleich eine visuelle Rahmung des Kultbildes.     

Inwiefern verändert sich die Darstellung Krishnas zwischen höfischer Kunst, Volkskunst und modernen Massenmedien?

Patrick Felix Krüger: Das Interessante ist, dass sich die Figur Krishnas über die verschiedenen Epochen hinweg gar nicht so stark verändert. Als Besucher kann man ihn in der Ausstellung immer wiedererkennen. Eine Ausnahme bilden bestimmte Manifestationen wie Shrinathji oder Jagannath, die auf den ersten Blick nicht unbedingt als Erscheinungsformen Krishnas erkennbar sind. Auch in der Popkultur ist das Bild Krishnas erstaunlich konstant geblieben. Was sich stärker verändert, ist die visuelle Umgebung, in die Krishna jeweils eingebettet wird – also etwa der Stil der Malerei oder die Art und Weise, wie Landschaften dargestellt werden, in denen die Ereignisse der Krishna-Legende stattfinden. 

Anne Hartig: In der modernen Popkultur lässt sich allerdings eine weitere Entwicklung beobachten. Hier wird Krishna, im Zusammenhang mit aktuellen religiösen und politischen Diskursen in Indien, zunehmend in einer stärker maskulinen Weise dargestellt. Unter dem Einfluss von Gaming und Manga beziehungsweise Anime entstehen dabei auch Darstellungen eines zunehmend hypermaskulinen Krishna – etwa als eine Art „Krishna Warrior“. Das ist eine interessante Veränderung, weil sich hier nicht unbedingt die Figur selbst verändert, wohl aber die Vorstellungen von Körper, Stärke und Männlichkeit, die mit ihr verbunden werden.


Krishna im Alltag und in Ritualen: Religion als gelebte Praxis

Die Ausstellung widmet sich nicht nur Kunstwerken, sondern auch religiöser Praxis – von häuslicher Verehrung bis zu großen Festen wie Janmashtami oder Holi. Warum war Ihnen dieser Aspekt wichtig?

Anne Hartig: Die allermeisten Exponate der Ausstellung wurden ursprünglich für den religiösen Gebrauch geschaffen. Erst im Museum wurden viele dieser Objekte zu Kunstwerken umgedeutet, wobei ihre Form und Ästhetik ihre ursprüngliche Funktion häufig überlagern.

Patrick Felix Krüger: Uns war es wichtig, diese einseitige Betrachtung aufzubrechen und neben der künstlerischen auch der religiösen Perspektive angemessen Raum zu geben. So soll die Ausstellung den Blick darauf lenken, dass viele der Werke nicht nur betrachtet, sondern ursprünglich auch praktiziert, verehrt und erlebt wurden.

Welche Rolle spielen Klang, Musik und Tanz in der Krishna-Verehrung?

Patrick Felix Krüger: Klang, Musik und Tanz spielen in der Krishna-Verehrung eine sehr zentrale Rolle. Sie sind nicht nur Ausdruck von Freude oder Frömmigkeit, sondern gelten als unmittelbare Wege, eine Verbindung zu Krishna herzustellen. Besonders wichtig ist beispielsweise das Singen und Chanten des Hare-Krishna-Mantras. Durch die Wiederholung der heiligen Namen soll der Geist zur Ruhe kommen und sich auf Krishna ausrichten. 

Anne Hartig: Musik und Instrumente wie Trommeln und Zimbeln begleiten das gemeinsame Singen. Der Tanz gehört häufig ganz selbstverständlich dazu und ist als "Rasa Lila" ein wichtiges Thema in der Kunst. Dabei geht es weniger um eine perfekte tänzerische Leistung, sondern um den Ausdruck von Hingabe und Freude. Man könnte sagen: Musik, Gesang und Tanz machen Spiritualität körperlich und gemeinschaftlich erfahrbar.

Viele Objekte waren ursprünglich keine „Museumsstücke“, sondern Teil religiöser Rituale. Wie verändert sich ihre Wirkung im Ausstellungsraum?

Patrick Felix Krüger: Die Überführung eines religiösen Objekts ins Museum bedeutet immer eine Transformation: Ein Objekt, das ursprünglich in einen rituellen Zusammenhang eingebunden ist und dort Träger religiöser Präsenz und Bedeutung sein kann, wird zum Exponat. Diese Verschiebung lässt sich nicht vollständig rückgängig machen, aber sie kann reflektiert und in der Ausstellung thematisiert werden. Gerade darin liegt eine wichtige Herausforderung für die Museumspraxis: Religiöse Objekte sind nicht einfach neutrale Dinge, deren Bedeutung unabhängig von ihrem Gebrauch betrachtet werden kann. Auch im Museum können sie eine Wirkung entfalten – sie können Besucherinnen und Besucher berühren, irritieren, Fragen aufwerfen oder eine Vorstellung von religiöser Praxis vermitteln. Zugleich besteht die Gefahr, dass durch die museale Präsentation die ursprüngliche religiöse Bedeutung auf eine rein ästhetische, historische oder kulturgeschichtliche Dimension reduziert wird.

Anne Hartig: In der Ausstellungspraxis wird deshalb versucht, diese Differenz sichtbar zu machen und unterschiedliche Bedeutungsebenen offenzulegen – etwa durch Hinweise auf die konkrete Nutzung und den rituellen Kontext, durch die Stimmen von Praktizierenden oder durch Elemente, die den ursprünglichen Zusammenhang zumindest andeuten. Ziel ist dabei nicht, die religiöse Erfahrung im Museum nachzustellen, sondern deutlich zu machen, dass das Objekt auch vor und außerhalb des Museums in einer lebendigen religiösen Praxis steht. Das Museum kann damit zu einem Ort werden, an dem nicht nur über Religion informiert wird, sondern auch die Frage reflektiert werden kann, wie sich religiöse Dinge verändern, wenn sie ihren ursprünglichen Kontext verlassen und in einen neuen Bedeutungsraum eintreten.


Krishna und globale Popkultur: Vom Tempel zur globalen Ikone

Ein besonders spannender Teil der Ausstellung ist Krishnas Präsenz in der globalen Popkultur. Wann begann Krishna zu einer weltweiten kulturellen Figur zu werden?

Anne Hartig: Ich würde sagen, dass Krishna vor allem seit dem 19. und frühen 20. Jahrhundert zunehmend zu einer globalen kulturellen Figur wurde. Zunächst gelangte er über Übersetzungen hinduistischer Texte, Reiseberichte und wissenschaftlicher Auseinandersetzungen mit dem Hinduismus in den europäischen und später nordamerikanischen Kulturraum. Eine entscheidende Dynamik setzte dann in den 1960er- und 1970er-Jahren ein. In dieser Zeit wurde Krishna durch die internationale Hare-Krishna-Bewegung, durch Musik, Gegenkultur und die Hippie-Bewegung auch außerhalb religiöser Zusammenhänge sichtbar und bekannt. 

Patrick Felix Krüger: Interessant ist dabei, dass sich seine Bedeutung in diesen verschiedenen Kontexten verändert. Für Gläubige ist Krishna eine zentrale göttliche Gestalt und Gegenstand von Verehrung. In der globalen Popkultur kann er dagegen als Symbol für Spiritualität, Meditation, eine alternative Lebensweise oder auch einfach als exotisches und ästhetisch faszinierendes Motiv erscheinen. Krishna bewegt sich also zwischen Religion, Kunst, Musik und Popkultur – und genau diese unterschiedlichen Formen seiner "Aneignung" machen seine globale Wirkungsgeschichte so spannend.

Krishna taucht heute in Musik, Street Art, Social Media oder Wellness-Kontexten auf. Ist das eher kulturelle Aneignung oder Ausdruck globaler Religionsgeschichte?

Patrick Felix Krüger: Ich würde das nicht als ein klares Entweder- oder verstehen. Dass Krishna heute in Musik, Street Art, Social Media oder auch in Wellness-Kontexten auftaucht, ist zunächst einmal Teil einer langen globalen Religions- und Kulturgeschichte. Religiöse Bilder, Symbole und Vorstellungen bewegen sich über kulturelle und geografische Grenzen hinweg und werden dabei immer wieder neu interpretiert. Gleichzeitig muss man genauer hinschauen: Wer verwendet ein bestimmtes Bild oder Symbol, in welchem Zusammenhang geschieht das und welche Bedeutung hat Krishna für die Menschen, die ihn verehren? Problematisch kann es werden, wenn eine religiöse Figur aus ihrem Zusammenhang herausgelöst und ausschließlich als exotisches, dekoratives oder kommerziell nutzbares Motiv eingesetzt wird. Dann besteht die Gefahr, dass die religiöse Bedeutung unsichtbar wird oder bestehende Machtverhältnisse und Stereotype reproduziert werden.

Anne Hartig: Ich würde hier eher von einem Spannungsfeld sprechen. Globale Verbreitung und kulturelle Aneignung können gleichzeitig stattfinden. Gerade diese Ambivalenz macht die Beschäftigung mit Krishna in der Popkultur interessant: Sie zeigt, wie Religion sich global verändert, aber auch, welche Fragen entstehen, wenn religiöse Symbole in neue kulturelle und kommerzielle Zusammenhänge gelangen. Entscheidend ist für mich dabei, nicht vorschnell zu urteilen, sondern die unterschiedlichen Perspektiven – insbesondere auch die von Krishna-Verehrenden selbst – sichtbar zu machen.

Die Ausstellung zeigt bewusst historische und zeitgenössische Objekte nebeneinander. Welche neuen Perspektiven entstehen dadurch?

Anne Hartig: Uns war es wichtig, Krishna und die Krishna-Verehrung nicht ausschließlich als historisches Phänomen darzustellen, sondern ihre Bedeutung und Relevanz in der Gegenwart ebenso deutlich zu machen. In der öffentlichen Wahrnehmung wird häufig vermutet, dass Museen sich vor allem mit der Vergangenheit und weit zurückliegenden historischen Ereignissen beschäftigen. Gerade ethnologische Museen verstehen sich aber auch als Orte, die sich mit gegenwärtigen Gesellschaften und aktuellen kulturellen Entwicklungen auseinandersetzen – und versuchen, diese Perspektive auch in ihren Ausstellungen abzubilden.

Patrick Felix Krüger: Das Nebeneinander von historischen Objekten und zeitgenössischen Exponaten macht deshalb ganz bewusst sichtbar, dass hier eine lange Geschichte und eine lebendige Gegenwart zusammenkommen. Krishna ist nicht nur eine Figur der Vergangenheit, sondern wird bis heute in Indien und weltweit verehrt, interpretiert und in unterschiedlichen kulturellen Kontexten sichtbar. Die Ausstellung möchte genau diese Verbindung zeigen: die historische Tiefe der Krishna-Verehrung ebenso wie ihre vielfältigen Erscheinungsformen und ihre Bedeutung in der Gegenwart.


Persönliche Perspektiven: Hinter den Kulissen

Gab es während der Vorbereitung einen Moment oder ein Objekt, das Sie besonders bewegt hat?

Patrick Felix Krüger: Mich haben die Pichwais besonders bewegt. Ich habe mich in der Vergangenheit intensiv mit indischer Malerei beschäftigt, und deshalb haben mich diese großformatigen Stoffmalereien mit ihren vielfältigen Motiven und ihrer großen ästhetischen Qualität als Kunsthistoriker besonders angesprochen. Zugleich finde ich faszinierend, wie eng diese Ästhetik und der Ausdruck von "Schönheit" mit ihrer religiösen Funktion und Bedeutung verbunden ist. Bewegend war natürlich auch der erste Besuch im Depot des Museums, bei dem aus der schier unüberschaubaren Vielfalt der Objekte eine erste Auswahl für die Ausstellung getroffen wurde.

Anne Hartig: Besonders bewegt hat mich die Zusammenarbeit mit meinen Kolleg:innen. Zum einen mit Patrick Felix Krüger, mit dem ich über die Objekte und ihre Anordnung nachgedacht habe, zum anderen Kolleg:innen aus dem Museum. Man vergisst oft, dass eine Ausstellung nicht über Nacht entsteht und schon gar nicht allein. Im Hintergrund wirken vielen Menschen, wie der Fotograf, die Werkstatt, die Restaurierung, die Reinigungskräfte, die Aufsichtskräfte und die Öffentlichkeitsarbeit, mit und tragen zu dem Gelingen einer Ausstellung bei. Genau das hat mich bewegt, also die Unterstützung in der Realisierung einer Idee durch viele engagierte Menschen. 

Was haben Sie selbst durch die Arbeit an der Ausstellung neu über Krishna gelernt?

Anne Hartig: Was uns bei der Vorbereitung der Ausstellung immer wieder überrascht hat, war, wie vielfältig und wandelbar die Vorstellungen von Krishna sind. Wir hatten natürlich beide bereits über Krishna und die Krishna-Verehrung geforscht. Aber je intensiver wir uns mit den Objekten, den historischen Quellen und vor allem auch mit heutigen Formen der Verehrung beschäftigt haben, desto deutlicher wurde, dass es nicht den einen Krishna und auch nicht die eine Form der Krishna-Verehrung gibt.

Patrick Felix Krüger: Wir haben außerdem gelernt, wie stark Krishna bis heute Teil einer sehr lebendigen religiösen Praxis ist. Das war für uns wichtig, weil man bei der Arbeit mit historischen Museumsobjekten leicht in die Perspektive gerät, Religion vor allem als etwas Vergangenes zu betrachten. Die Auseinandersetzung mit Gläubigen und zeitgenössischen Formen der Verehrung hat unseren Blick darauf noch einmal geschärft. Und vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erfahrungen aus der Arbeit an der Ausstellung: Je mehr man sich mit Krishna beschäftigt, desto weniger lässt er sich auf eine einzige Definition festlegen. 

Welche Reaktionen des Publikums interessieren Sie besonders?

Patrick Felix Krüger: Mich interessieren besonders die Momente, in denen Besucherinnen und Besucher merken, dass ihre bisherigen Vorstellungen von Krishna oder vom Hinduismus vielleicht zu einfach waren. Wenn eine Ausstellung dazu führt, dass man innehält, etwas Vertrautes plötzlich anders sieht oder sich fragt, warum ein Objekt für gläubige Menschen eine ganz andere Bedeutung haben kann als für uns im Museum, dann finde ich das besonders spannend. Gleichzeitig interessiert mich, wie Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen auf die Ausstellung reagieren. Für manche Besucherinnen und Besucher ist Krishna vielleicht aus der eigenen religiösen oder kulturellen Lebenswelt vertraut, für andere ist er zunächst eine völlig unbekannte Figur.

Anne Hartig: Mich interessiert, ob die Ausstellung für beide Gruppen etwas Neues bereithält – und ob sie vielleicht sogar miteinander ins Gespräch kommen. Und natürlich interessieren mich auch kritische Reaktionen. Eine Ausstellung über eine lebendige religiöse Tradition kann und soll Fragen aufwerfen: Wie stellen wir Religion im Museum dar? Was passiert mit einem religiösen Objekt, wenn es zum Exponat wird? Und wo liegen die Grenzen zwischen kultureller Vermittlung und Vereinfachung? Diese Fragen sind für Kurator:innen von zentraler Bedeutung. Wenn Besucherinnen und Besucher die Ausstellung mit solchen Fragen verlassen, wäre das für mich eine sehr gelungene Reaktion.

Wenn Besucher*innen nur eine zentrale Erkenntnis aus der Ausstellung mitnehmen sollen – welche wäre das?

Anne Hartig: Wir würden uns freuen, wenn die Besucher:innen aus der Ausstellung die Erkenntnis mitnehmen, dass die Auseinandersetzung mit uns vermeintlich „fremden“ Kulturen und Religionen ein Gewinn sein kann. Sie eröffnet neue Perspektiven und kann dazu beitragen, vertraute Vorstellungen zu hinterfragen und den eigenen Blick auf die Welt zu erweitern.

Patrick Felix Krüger: Gleichzeitig möchten wir den Besucher:innen, dass hinduistische Traditionen sehr vielfältig und komplex sind und sich nicht auf einige wenige, häufig vereinfachte Vorstellungen reduzieren lassen. Vielleicht nimmt der eine oder die andere aus der Ausstellung auch die Neugier mit, sich weiter mit diesen Traditionen und ihrer lebendigen Gegenwart zu beschäftigen.


Abschluss

Warum lohnt es sich gerade heute, sich intensiver mit Krishna zu beschäftigen?

Anne Hartig: Gerade heute lohnt sich die Auseinandersetzung mit Krishna, weil er zeigt, wie lebendig und vielfältig religiöse Traditionen sind. Krishna ist längst nicht nur eine Figur aus der indischen Geschichte, sondern wird bis heute in Indien und weltweit verehrt und zugleich in Kunst, Musik und Popkultur aufgegriffen.

Patrick Felix Krüger: Sich mit Krishna zu beschäftigen, eröffnet deshalb einen Blick auf eine uns vielleicht zunächst fremde, aber sehr lebendige religiöse Tradition – und kann helfen, vereinfachte Vorstellungen über Hinduismus zu hinterfragen.

Welche Rolle können Museen wie das Museum Fünf Kontinente dabei spielen, religiöse und kulturelle Vielfalt verständlicher zu machen?

Patrick Felix Krüger: Museen können Räume schaffen, in denen wir anderen religiösen und kulturellen Traditionen begegnen und zugleich unsere eigenen Vorstellungen hinterfragen. Gerade die Begegnung mit konkreten Objekten kann dabei einen besonderen Zugang eröffnen: Man sieht einen Gegenstand, der vielleicht zunächst fremd oder ungewohnt wirkt, und erfährt gleichzeitig etwas über seine Geschichte, seine Bedeutung und die Menschen, die mit ihm verbunden sind. So können Objekte Neugier wecken und einen persönlichen Zugang zu komplexen kulturellen und religiösen Zusammenhängen schaffen.

Anne Hartig: Gerade ein Haus wie das Museum Fünf Kontinente kann unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen und zeigen, dass kulturelle und religiöse Traditionen vielschichtig und lebendig sind. Dabei geht es nicht nur darum, Wissen zu vermitteln, sondern auch darum, Neugier und Verständnis füreinander zu fördern. Die ausgestellten Objekte können dabei als Ausgangspunkt dienen, um sich auf eine andere Kultur oder religiöse Tradition einzulassen und vielleicht auch die eigenen Vorstellungen zu hinterfragen. So kann das Museum einen Raum schaffen, in dem Begegnung möglich wird und Unterschiede nicht als Trennendes, sondern als Möglichkeit zum gegenseitigen Lernen verstanden werden.

Vielen Dank für Ihre Zeit und das umfangreiche Interview!