PhD defence Dunja Sharbat Dar: "Atmospheres in Religious Boundary Making Processes — A Comparative Study of Christian Church Service Atmospheres in Twenty-First Century Japan"
GB 5/150–152 “Ruhrpott”
Abstract
Religiösen Räume wird oft eine besondere Atmosphäre zugeschrieben. Atmosphäreforschung setzt sich zumeist aus einer phänomenologischen Perspektive mit dem flüchtigen, aber allgegenwärtigen Phänomen Atmosphäre auseinander, indem es den subjektiven Nachvollzug in den Vordergrund stellt. In Bezug auf Religion wird zudem eingewandt, dass religiöse Entitäten der Ursprung besonderer Atmosphären sind. Beide Herangehensweisen verhindern eine methodisch fundierte Erforschung von Atmosphären, was dazu führt, dass sie in einer black box bleiben. In dieser Arbeit wird religiöse At- mosphäre mit einem neuen religionswissenschaftlichen Ansatz untersucht, der Atmosphäre als rea- lisiertes affektives, sensorisches und semantischen Potential sozialräumlicher Arrangements ver- steht (Radermacher 2024). Mithilfe qualitativer Forschungsmethoden werden religiöse Atmosphären komparativ gegenübergestellt. Die Leitfragen sind: welche Elemente konstituieren im Zusammen- spiel religiöse Atmosphären? Wie unterscheiden sich die Elemente und die Atmosphären in unter- schiedlichen religiösen Situationen? Welche Funktionen haben die Atmosphären für die religiösen Gemeinschaften? Die Atmosphären japanischer christlicher Kirchengottesdienste bilden das konkrete Forschungsob- jekt in dieser Arbeit. Christentum in Japan ist eine kleine, jedoch einflussreiche Religion. Als einerseits anerkannte, andererseits nicht als ‚japanisch‘ gesehene Religion hat das Christentum eine interes- santen sozial-kulturellen Position inne, die christliche Räume, Materialität, Gemeindeleben und reli- giöse Praxis beeinflusst. Durch die ambivalente Positionierung der Christ*innen in der japanischen religiösen Landschaft sind christliche Gottesdienste die primären Momente für Gemeinschaft und Zusammenhalt. Die Atmosphären, die aus dem Zusammenspiel von Raum, Materialität, sozialer Po- sitionierung und semantischer ‚Rahmung‘ entstehen, werden als Ausdruck von Grenzziehungs- und Identifizierungsprozessen verstanden. Diese Untersuchung von neun Kirchen mit unterschiedlichen Denominationen, Größen, Gebäuden und Demographien basiert auf Interviews, Feldforschung, teilnehmender Beobachtung und Fotogra- fien, durch die die Konstitution der Gottesdienstatmosphären rekonstruiert wird. Ziel der Arbeit ist, Elemente der Atmosphärenkonstitution nachzuzeichnen, diese sowie die Atmosphären in den Got- tesdiensten der Kirchen zu vergleichen und zu verstehen, welche Rolle die Atmosphären in der sozi- alen Positionierung japanischer Kirchen einnehmen. Es wird gezeigt, dass die Atmosphären in den Kirchen sich trotz ähnlicher Elemente (z. B. Orgeln) aufgrund verschiedener Realisierungen unterscheiden. Die Atmosphären bestätigen, verstärken und bezeugen je nach Kirche die religiöse, denominationale oder soziale Position der Kirchen in der japanischen Religions- und Christentumslandschaft.