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Eine frühe Traditionslinie des tibetischen Buddhismus nachzeichnen

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Sie ist knapp zweieinhalb Pfund schwer und umfasst über 800 Seiten detaillierte Forschungsarbeit zum tibetischen Buddhismus: Die neue Monografie des Tibetologen Jan-Ulrich Sobisch. Vor wenigen Tagen wurde sie veröffentlicht unter dem Titel „The Buddha’s Single Intention: Drigung Kyobpa Jikten Sumgön’s Vajra Statements of the Early Kagyü Tradition“. 

Knapp 15 Jahre vergingen von den ersten philologischen Analyseschritten alter Handschriften bis zur Publikation. CERES-Forscher Jan-Ulrich Sobisch beleuchtet in seinem Buch die Lehren einer der vier großen Schultraditionen des tibetischen Buddhismus, der Kagyü-Tradition. Dabei widmet er sich dem klassischen tibetischen Werk „Die eine Intention“ des Meisters Drigung Kyobpa Jikten Sumgön (1143–1217) und den dazu verfassten Kommentaren, besonders „Das Licht der Sonne“ von Rikzin Chökyi Drakpa (1595–1659).

Schon früh in der Geschichte der Kagyü-Schule wurden die Lehren von einem Gelehrten namens Jikten Sumgön in 150 Kernsätzen, den sogenannten Vajra-Darlegungen verdichtet. Diese prägnant aufschlussreichen Sätze umfassen “Die eine Intention” (Dgongs gcig), die den Kern der Gedanken von Buddha, das, was eigentlich unausdrückbar ist (brjod du med pa), präzise and direkt zum Ausdruck bringt. Das Werk webt den Faden des Unausdrückbaren gewissermaßen durch die gesamte Textur des Buddhismus. Es präsentiert die Lehre des „Große Siegels“ (Sanskrit mahāmudrā) als durchgängiges Motiv in den drei Schulungen (dem disziplinierten Verhalten, der meditative Besinnung, und der unterscheidenden Weisheit), in den drei Ebenen (Grundlage, Weg, Ziel), in den drei Aspekten (Sichtweise, Praxis und Verhalten) oder den drei Gelübden (des Prātimokṣa, der Bodhisattvas und des Mantra). Jikten Sumgön lehrte, dass die grundlegenden Werte und Einblicke, die Buddha aufgezeigt hat, in die Realität eingewoben und deshalb zugänglich für alle seien. 

In diesem Buch wird erstmalig ein wichtiger Text aus der Frühphase der Traditionsbildung der Kagyüopa-Schule vollumfänglich zugänglich gemacht. Die Kommentare, die sich auf diesen Text beziehen, stammen aus einer Zeitspanne von über 450 Jahren, in denen diese Tradition zuerst Kernlehrsätzen formulierte, dann detaillierte Kommentare dazu produzierte und schließlich gegenüber anderen eher intellektuell ausgerichteten Traditionen des tibetischen Buddhismus verteidigen musste.

Jan-Ulrich Sobisch ist Forscher am Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) der Ruhr-Universität Bochum. Er studierte Tibetologie, Indologie und Philosophie in Hamburg und war von 2003 bis 2016 Professor an der Kopenhagener Universität. Im Jahre 2016 wurde er als erster seiner Disziplin mit einem Humboldt Forschungspreis für seine Forschungsarbeit ausgezeichnet und forscht seitdem am CERES. Er forscht gerade in einem DFG-finanzierten Projekt zu den Traditionsbildungsprozessen der Kagyüopa-Schule. 

Bibliografische Information: 

Sobisch, Jan-Ulrich (2020): The Buddha’s Single Intention: Drigung Kyobpa Jikten Sumgön’s Vajra Statements of the Early Kagyü Tradition. Wisdom Publications, 864 Seiten, ISBN 978-1614296393