Thomas Hauschild oder: Der Trickster im Seminarraum
Thomas Hauschild ist in der Nacht zum 5. Mai 2026 im Alter von nur 70 Jahren in Hamburg gestorben. Geboren wurde er am 16. Oktober 1955 in Berlin; in Hamburg studierte er Völkerkunde, Volkskunde und Religionswissenschaft und wurde dort 1979 mit einer Dissertation über den „Bösen Blick“ promoviert. Im selben Jahr kuratierte er mit Heidi Staschen und Regina Troschke im Hamburger Museum für Völkerkunde die Ausstellung Hexen, die fünfzehn Jahre lang wanderte und über eine Million Besucherinnen und Besucher erreichte. Nach Jahren am Völkerkundemuseum Berlin-Dahlem und stationärer Feldforschung in der Basilicata habilitierte er sich 1990 in Köln mit der Studie, aus der später Magie und Macht in Italien hervorging.
Professuren hatte Thomas Hauschild in Tübingen zwischen 1992 und 2008 sowie in Halle zwischen 2008 und 2016, inne; Gastprofessuren und Fellowships führten ihn u. a. nach Aix-en-Provence, Rom, Heidelberg, Berlin und Wien. Seit 2009 war er korrespondierendes Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. In Bochum war er zwischen Oktober 2011 und September 2012 Gastwissenschaftler am Käte Hamburger Kolleg „Dynamiken der Religionsgeschichte zwischen Asien und Europa“. Dort schrieb er wesentliche Teile seines Buchs Weihnachtsmann. Die wahre Geschichte. All das sagt freilich noch wenig darüber, wie er im Gespräch und im Denken wirkte, das in seinen Schriften Niederschlag gefunden hat.
Aber halt! „Ach du liebe Güte, ein Nachruf? Womit habe ich das verdient?“ – höre ich Thomas, von wo auch immer, sagen. Er hätte vermutlich alles getan, um einem Nachruf zu entkommen. Jedenfalls einem jener Nachrufe, die das Leben eines Menschen nachträglich glätten, seine Widersprüche ordnen, seine Unberechenbarkeit in Verdienste übersetzen und seine Stimme in einen wohlgesetzten Lebenslauf verwandeln. Ein solcher Text wäre ihm, da bin ich sicher, verdächtig, gar zuwider gewesen.
Schon eine Ausgabe der Zeitschrift für Kulturwissenschaften (ZfK), die 2015 Thomas zu seinem 60. Geburtstag gewidmet war, führte zu Unstimmigkeiten. Sie war als Sammlung von Miszellen gedacht, gerade nicht als schwere, akademisch ritualisierte Festschrift – jene typisch deutsche Gattung, für die selbst das Englische das deutsche Wort übernommen hat. Doch auch diese Form hat ihre eigene Tücke. Eine Festschrift, und sei sie auch nur in Gestalt einer gewidmeten Sammlung von Texten, ehrt, indem sie festschreibt. Wie jede Gabe schenkt sie etwas und stellt den Beschenkten zugleich in eine Ordnung, in der er sich wiedererkennen soll. Thomas, der Ordnungen deshalb mochte, um sie zu stören, musste auch mit dieser Art der Würdigung nicht einverstanden sein. Dass ich nun aus Anlass seines Todes trotzdem schreibe, kann ich mir nur erlauben, wenn dieser Text die heikle Vorgeschichte nicht verdeckt, sondern selbst zum Thema macht: als eine Gabe, von der ich weiß, dass sie ebenso – wenn auch posthum – eine Zumutung sein kann.
Darum will dieser Text kein Nachruf sein; und wenn schon, dann gegen seine eigene Form. Ein Text über Thomas Hauschild muss, wenn er ihm einigermaßen gerecht werden will, etwas von jener Figur annehmen, die an den Rändern der Ordnung auftaucht: vom Trickster. Nicht im Sinne bloßer List oder akademischer Koketterie. Der Trickster ist kein Spaßmacher am Rande des Ernstes. Er ist eine Figur, die mit Ernst spielerisch umgeht: Er zeigt, dass Ordnungen Grenzen haben, um überschritten zu werden; dass ein Motiv, ein Ritual, ein Bild, eine Erzählung nie dort aufhört, wo die Zuständigkeiten der Fächer, Konfessionen oder Nationalgeschichten es gerne hätten. Der Trickster stört, aber er zerstört nicht einfach. Er öffnet alternative Wege.
Thomas war ein solcher Grenzgänger und -überschreiter – in seinen Themen, zwischen Fachtraditionen und im wissenschaftlichen Habitus. Wer mit ihm zu tun hatte, konnte nie ganz sicher sein, ob er gerade eine These vortrug, eine Provokation setzte, eine ethnographische Beobachtung zuspitzte oder das Publikum in eine Falle lockte, in der es sich bei den eigenen Gewissheiten ertappen sollte. Er behauptete so manches mit Emphase, etwa zur hohen Stirn des Weihnachtsmanns und ihren physiognomischen Korrespondenzen in Ostasien. Aber dieser Nachdruck war nie bloße Rechthaberei. Er war von einem Augenzwinkern begleitet, manchmal kaum merklich, bisweilen raumfüllend. Thomas sagte und schrieb starke Sätze, wusste aber auch, dass starke Sätze gefährliche Wesen mit eigener Wirkmacht sind. Man muss sie gewähren lassen, ihnen folgen, sie beobachten – und ihnen notfalls wieder misstrauen.
Ich bin Thomas zuerst als Leser begegnet. In meinen Studienjahren gehörten seine Texte zu jenen Arbeiten, die mir zeigten, dass Ethnologie nicht nur eine Wissenschaft vom Fernen und Fremden ist, sondern auch eine Weise, das Nahe und Vertraute fremd werden zu lassen. Der „böse Blick“, Hexen, Magie, katholische Rituale, Süditalien, Gewalt und Volksfrömmigkeit: Das waren bei Thomas keine exotischen Gegenstände, sondern soziale Praktiken, an denen sichtbar wurde, wie Gesellschaften ihre Ängste, Hoffnungen, Körper, Affekte und Machtverhältnisse symbolisch und sozialstrukturell organisieren. Er nahm das vermeintlich Randständige so ernst, dass es plötzlich im Zentrum stand.
Dass seine frühe Arbeit zu Hexen nicht nur ein Buchthema blieb, sondern 1979 auch in eine große Ausstellung übersetzt wurde, passt dazu. Thomas fasste solche Gegenstände nicht als tote Überlieferungen auf, sondern als aufgeladene Formen, die in Dörfern und alltäglichen Imaginationen ebenso wie in Museen und wissenschaftlichen Debatten weiterarbeiten. Bereits darin lag etwas von jener Wissenschaft, die er später immer wieder betrieb: keine Ethnologie des abgeschlossenen Gegenstands, sondern eine Ethnologie wandernder Energien symbolischer Formen.
Näher kennengelernt habe ich Thomas viele Jahre später, als ich ihn 2011 als Fellow an das Bochumer Käte Hamburger Kolleg „Dynamiken der Religionsgeschichte zwischen Asien und Europa“ einlud. Es passte zu Thomas, dass er dort ein Buch beendete, das auf den ersten Blick fast wie ein gelehrter Scherz wirken konnte: Weihnachtsmann. Die wahre Geschichte. Aber selbstverständlich war es kein Scherz, jedenfalls nicht nur. Der Weihnachtsmann ist bei ihm nicht die harmlose rote Figur des Konsums, nicht bloß Nikolaus, Santa Claus oder Coca-Cola-Mythos, sondern ein Wanderer durch Eurasien, ein alter Mann im Winter, ein Gabenspender, ein Verwandter anderer Gestalten: des chinesischen Gottes des langen Lebens, des mongolischen Weißen Alten und vieler winterlicher Figuren. Thomas verfolgte Motive, Bilder und Rituale über Räume hinweg, die andere sauber getrennt hätten.
Auch darin war Thomas ein Trickster. Er griff eine Figur auf, die alle zu kennen glaubten, und zeigte, dass sie doch „recht eigentlich“ niemand kannte. Er nahm etwas scheinbar Harmloses und machte daraus eine Geschichte über Gabentausch, Wetter, Familie, Alter, Ritual und Bildwanderungen. Bei ihm wurde der Weihnachtsmann nicht kleiner, weil man ihn historisch und ethnologisch erklärte. Im Gegenteil: Er wurde größer, älter, fremder, unheimlicher – und liebenswerter. Das war eine der besonderen Fähigkeiten von Thomas: Entzauberung und Wiederverzauberung fielen bei ihm nicht auseinander. Wer ihm folgte, verlor vielleicht eine naive Gewissheit, gewann aber eine reichere Welt.
Seine Arbeiten sind von genau dieser Bewegung geprägt. In Magie und Macht in Italien zeigte Thomas, dass europäische Moderne, römisch-katholische Kirche, lokale Heilpraktiken, Frauenzauber, Politik und Körperwissen nicht entlang jener Linien verlaufen, die ein aufgeklärtes Selbstbild Europas gern zieht. In Ritual und Gewalt setzte er sich mit der unbequemen Frage auseinander, wie Rituale nicht nur Gemeinschaft stiften, sondern auch Affekte freisetzen, Ressentiments organisieren und Gewaltformen stabilisieren können. Auch seine Arbeiten zur Geschichte der Ethnologie im Nationalsozialismus, zum Fliegen, zu Synkretismus und Fundamentalismen gehören in dieses Feld. Thomas betrieb Ethnologie nie als bloße Beschreibung kultureller Vielfalt. Er fragte nach Macht, Körpern, Bildern, Leidenschaften und nach den langen Wegen, auf denen religiöse Formen wandern, sich tarnen, wiederkehren.
Die von Erhard Schüttpelz und Martin Zillinger initiierte ZfK-Ausgabe von 2015 ist dieser Bewegung, bei aller Ambivalenz des Genres, meines Erachtens durchaus nahegekommen. Dass es gerade die ZfK war, war kein Zufall: Thomas hatte die Zeitschrift 2007 zusammen mit Lutz Musner begründet und lange mit herausgegeben. Schüttpelz und Zillinger stellten die Würdigung unter die Leitworte „Begeisterung“ sowie „Trance und Folklore“ und suchten damit jene Zone, in der bei Thomas Körper, Affekt, symbolische Gestaltung und rituelle Form ineinandergriffen. Vielleicht war gerade deshalb die Widmung gefährlich nah an einer Hommage. Sie traf etwas – und traf damit zugleich eine Grenze. Doch auch hier zeigte sich, wie an so vielen Stellen, dass Grenzen nur erfahrbar werden, wenn man sie überschreitet.
Clara Gallinis Erinnerung in derselben Ausgabe berührt mich bis heute. Sie erinnerte Thomas als jungen Mann, dem man Sympathie und Neugier ansah und der auf direkte Art sprach, ohne Verstellung. Zugleich erzählte sie selbstkritisch, wie sie seine Dissertation über den Bösen Blick zunächst rundheraus abgelehnt hatte, um später gerade jenen Stil zu schätzen, der mit der gewöhnlichen akademischen Sprache, ihren Abständen und Disziplingrenzen, brach. Das ist eine schöne Szene von Nachträglichkeit: Man versteht jemanden so manches Mal erst später, wenn die eigenen Grenzen sich verschoben haben. Gallinis „Grazie, Tommaso!“ sagt in seiner Schlichtheit mehr, als jede große Würdigung benennen könnte.
In meinem eigenen Beitrag in dieser Ausgabe schrieb ich über religiöse „Rede mit gesplissener Zunge“, über Glossolalie, ekstatische Kommunikation und ihre Einhegung. Im Rückblick sehe ich deutlicher, wie sehr auch dieser Text Thomas galt: der Frage, wie religiöse Kommunikation sich verständlich und zugleich wieder unverständlich machen muss, wie sie zwischen Normalität und Außeralltäglichkeit oszilliert, wie sie Energien freisetzt und zugleich der Rahmung bedarf. „Gesplissene Zunge“ – das war ein religionswissenschaftliches Motiv, aber auch eine Thomas-Figur: sprechen mit doppelter Stimme, ernsthaft und ironisch, nah am Material und zugleich immer schon auf der Flucht vor selbstgewisser Festlegung.
Thomas war alles andere als ein Systematiker im trockenen Sinn. Seine Texte leben von Materialfülle, von Szenen, von Funden, von überraschenden Übergängen. Er konnte Motive sammeln, wie andere Belege anhäufen, aber bei ihm blieben sie nicht bloßes Archivgut. Sie blieben beweglich. Ein Ritual in Süditalien, ein Bild aus China, eine Geste im Seminar, ein Fernsehphänomen, eine Heiligenfigur, eine politische Erregung – alles konnte plötzlich in Beziehung treten. Manche dieser Beziehungen wirkten kühn, manchmal vielleicht zu kühn. Aber gerade darin bestand seine intellektuelle Produktivität: Thomas riskierte Verbindungen, wo andere aus methodischer Vorsicht nur Getrenntes sahen.
Wer mit Thomas zu tun hatte, weiß allerdings auch, dass diese Kühnheit nicht konfliktfrei war. Er war keiner, der sich leicht einordnen ließ, und keiner der akademischen Geräuschlosigkeit. Der Versuch, sein Profil zu beschreiben, konnte schwierig werden. Vielleicht erklärt das auch, warum ihm Festschriften, Ehrungen und Nachrufe suspekt waren. Solche Formen machen aus Lebenden und Toten gern Monumente. Thomas aber war ein „Bewegungsereignis“. Er trat auf, erzählte, widersprach, übertrieb, lachte, hörte zu, wechselte die Ebene, zog Linien von einem süditalienischen Dorf nach Eurasien, von einem Ritual zu einer Machtform, von einer Figur des Volksglaubens zur globalisierten Moderne.
Auch die späteren Linien seines Denkens blieben unabgeschlossen im besten Sinne. Nach dem Weihnachtsmann richtete sich sein Interesse weiter auf Geistererscheinungen, Besessenheitskulte, Halluzinationen und die neurobiologischen wie medialen Bedingungen solcher Erfahrungen – darüber habe ich mit ihm auf langen Spaziergängen diskutiert. Selbst dort zeichnet sich noch einmal die alte Hauschild-Bewegung ab: von der Ethnographie zur Religionsgeschichte, vom Körper zum Bild, vom Ritual zur Technik, vom Schrecken zur Erzählung, von Symbolen zur Neurophysiologie.
Gerade deshalb ist es schwer, ihn nun in der Vergangenheitsform zu beschreiben. Nicht weil man die Tatsache seines Todes nicht wahrhaben will – das allein schon bleibt schwer genug –, sondern weil sein Denken selbst so wenig abgeschlossen wirkt. Wer seine Texte liest, stößt nicht auf ein geschlossenes Theoriegebäude, sondern eher auf Spuren: Umwege, Seitenpfade, überraschende Abzweigungen. Er hat gezeigt, dass Religionsgeschichte und Ethnologie dort lebendig werden, wo man den Dingen erlaubt, ihre Herkunft zu komplizieren. Ein Motiv gehört dann nicht nur einer Tradition. Eine Gestalt gehört nicht nur einer Religion. Ein Ritual ist nicht nur Ausdruck, sondern Körpertechnik und soziale Form. Und Europa ist nicht der nüchterne Ort, von dem aus man das Fremde betrachtet, sondern selbst ein ethnographisches Gelände voller Magie, Angst, Gewalt und Begehren.
Das gehört zu den wichtigsten Lektionen, die ich von Thomas gelernt habe: dass Wissenschaft nicht darin besteht, die Welt zu erklären und dadurch ärmer zu machen. Sie besteht darin, Verbindungen zum Vorschein zu bringen, die wir allzu leicht übersehen, weil sie quer zu gewohnten Ordnungen liegen. Thomas konnte darin maßlos sein, und gerade diese Maßlosigkeit war produktiv. Er brachte Dinge zusammen, die zunächst nicht zusammengehörten – bis man sah, dass sie vielleicht doch zusammenhängen, oder jedenfalls, dass neue Fragen gestellt werden müssen.
Eine solche Spur führt für mich nach Bochum zurück. Während seiner Zeit am Käte Hamburger Kolleg begannen Thomas und ich damit, Missionssammlungen in der Umgebung regelrecht abzuklappern. Das Wort trifft den Ton besser als jede seriöse Projektbeschreibung. Wir fuhren nach Wuppertal oder Bad Godesberg, sahen uns Depots, Vitrinen, Nebenräume sowie halb vergessene Bestände an und sprachen darüber, dass diese Sammlungen nicht einfach verstaubte Reste einer erledigten Missionsgeschichte waren. Sie sind materielle Archive von Religionskontakt, von kolonialen und postkolonialen Verflechtungen, von Übersetzung und Aneignung, Gewalt und Frömmigkeit, Neugier und Missverständnis. Auch hier zeigte sich Thomas’ besondere Begabung: Er konnte in Dingen, die institutionell beinahe aus dem Blick geraten waren, plötzlich ein ganzes ethnologisches und religionsgeschichtliches Themenfeld aufleuchten lassen.
Auf dieser Grundlage entwickelten wir gemeinsam die Idee, solche vernachlässigten Missionssammlungen als lebendiges Kulturerbe zu würdigen und am CERES in einer Art Wechselausstellung zusammenzuführen. Uns beschäftigte die schwierige Lage solcher Bestände: Oft handelte es sich um Sammlungen von Orden oder Missionsgesellschaften, nicht hinreichend erhalten, dokumentiert oder wissenschaftlich erschlossen. Damit stand zugleich die Frage im Raum, ob und wie das CERES als Forschungsort helfen könnte: durch Austausch mit Museen, Sammlungen, Orden, Missionsgesellschaften und Universitäten, durch Inventarisierung, Digitalisierung, wissenschaftliche Analyse und schließlich durch Ausstellungen.
Vermittelt durch Thomas hatten wir diese Idee auch mit Hans Belting und Birgit Meyer sowie anderen Kolleginnen und Kollegen am CERES immer wieder erörtert. In der damals gedachten Form ließ sich das Vorhaben wegen fehlender finanzieller Ressourcen bislang nicht verwirklichen. Aber es verschwand nicht. Die spätere CERES-Arbeit zu Missionssammlungen knüpft an diesen Impuls an. Die Aktivitäten von Martin Radermacher, Belinda Peters, Patrick Krüger und Knut Martin Stünkel – die heutigen Forschungen und Ausstellungsinitiativen zu Missionssammlungen am CERES – gehen auf diese Idee Thomas Hauschilds zurück. Auch das gehört, um mit Aby Warburg zu sprechen, zum Nachleben von Thomas: Er brachte nicht nur Sätze, Motive und Personen in Bewegung, sondern auch Dinge – gerade solche Dinge, die in Depots stehen, halb vergessen, halb aufgeladen, und darauf warten, wieder als Zeugen religiöser und kolonialer Verflechtungen ernst genommen zu werden.
Am Ende bleibt also doch eine Art von Nachruf, aber einer, der sich nicht recht benimmt: Er möchte weder der üblichen Etikette entsprechen, noch kann er der Eigenart von Thomas wirklich gerecht werden. Darin ist dieser Text vielleicht eine Fortsetzung jener schwierigen Widmung von 2015: einer Gabe, die den Gewürdigten kränken konnte, weil auch Würdigung festschreibt und Thomas darin ein Bild anbot, in dem er sich offenbar nicht wiedererkennen wollte. Das hier Geschriebene steht nicht außerhalb dieser grundsätzlichen Ambivalenz von Gabe und Tausch, sondern mitten in ihr. Es kann die Ambivalenz nicht auflösen. Aber es versucht, den Würdigungswiderstand des Gewürdigten ernst zu nehmen.
In diesem Sinne hoffe ich, dass dieser Text nicht nur über Thomas spricht, sondern etwas von jener Bewegung aufnimmt, die sein Denken auszeichnete. Dennoch hätte Thomas ihn vermutlich unterbrochen. Er hätte eine Korrektur angebracht, eine Anekdote eingefügt, einen Einwand erhoben, vielleicht auch rundweg bestritten, ein Trickster gewesen zu sein – allein schon deshalb, weil etwas, das benannt und erklärt wird, seine Wirkung verlieren kann, dem erklärten Witz nicht unähnlich. Möglicherweise hätte er diesen Text sogar zur Gänze abgelehnt. Dann hätte er wahrscheinlich selbst seine „wahre Geschichte“ erzählt. Und wir hätten ihm zugehört – halb überzeugt, halb überrumpelt, aber ganz wach.
Dass diese Stimme nun fehlt, fällt schwer hinzunehmen. Aber ihre Bewegung bleibt: in seinen Büchern, in den Debatten, die Thomas ausgelöst hat, in den Erinnerungen derer, die ihn lasen, hörten, einluden, bewunderten, sich über ihn ärgerten und von ihm lernten. Thomas hat die Ethnologie dort, wo sie saturiert war, in Unruhe versetzt. Dafür gebührt ihm unser Dank – und mein persönlicher zumal.
Und vielleicht ist das, gegen alle Form und doch in einer vertrauten Form, ein angemessener Abschied: nicht die feierliche Verneigung vor einem Denkmal, sondern ein letztes Lächeln für den Trickster, der uns daran erinnert, dass die Welt größer, älter, komischer und unheimlicher ist, als unsere üblichen wissenschaftlichen Begriffe es glauben machen.
Ach, lieber Thomas, Du „Ungläubiger“, der Du Religion dennoch ernst genommen hast und ihr im Wechselspiel von Ernst und Spiel auf die Spur gekommen bist, sieh mir diese Worte der Würdigung bitte nach. Besser noch: Verstehe sie bitte als Gegengabe für das, womit Du unser intellektuelles Leben bereichert hast. Und ach was! Ich wäre Dir nicht gram, wenn Du dennoch über meine Worte irritiert wärst und mich – von wo auch immer – mit dem „bösen Blick“ anschautest. Denn ich weiß: Gleich würdest Du wieder schelmisch lächeln.