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KHK-Fellow-Interview "Nietzsches 'Fröhliche Wissenschaft' in Bochum

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Ende März 2020 endet die Forschungsphase des Käte Hamburger Kollegs "Dynamiken in der Religionsgeschichte zwischen Asien und Europa". Als größtes Forschungsvorhaben mit internationaler Reichweite hat es das Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) in den letzten zwölf Jahren enorm geprägt. Grund genug, um etwas zurück und etwas nach vorne zu blicken und Gastwissenschaftler/innen des KHK zu Wort kommen zu lassen. Im achten und letzten Interview der Reihe kommt der Helmut Zander zu Wort. Er ist seit 2011 Professor für vergleichende Religionsgeschichte und interreligiösen Dialog an der schweizerischen Universität Fribourg. Der Experte für Anthroposophie und Esoterik war zwischen Mai 2010 und April 2011 Gastwissenschaftler am Käte Hamburger Kolleg. In Bochum hatte er vor, die Europäische Religionsgeschichte aus komparativer Perspektive zu untersuchen. Was daraus geworden ist, berichtet er in seinem Interview.

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Was hat Sie gereizt, am KHK Gastwissenschaftler zu werden?

Ich wusste schon vor der Existenz des KHK, dass in Bochum „fröhliche Wissenschaft“ betrieben wird: mit der notwendigen Verknüpfung von Material- und Theoriebezug und mit der Bereitschaft, Wissen zu zerstören und neue Vermutungen über den Zusammenhang der Dinge zu erproben. Dazu kam das Thema, die Dynamik religionshistorischer Austauschprozesse: Diese globalhistorische Perspektive stand nach dem Zusammenbruch der Weltordnung aus politischen Blöcken 1989 im Raum. Und eine Institution, die den Freiraum für Forschungen bot, globale Entanglement-Prozesse wieder ins Zentrum zu rücken, war ein großer Glücksfall. In Bochum gab es offensichtlich ein Gespür für eine zeitdiagnostisch relevante historische Forschung – und den Mut, ein Thema „groß“ anzupacken.

Wie war Ihr Forschungsaufenthalt in Bochum? Worüber haben Sie geforscht?

Am wichtigsten war für mich im KHK die Mischung aus großer, wirklich großer Freiheit und strukturierten Angeboten in den Fokus-Gruppen und Workshops. Im Nachhinein tut es mir leid, von den Angeboten, Konferenzen (mit Hilfe der hoch engagierten Mitarbeiter/innen) selbst zu organisieren, nicht ausgiebiger Gebrauch gemacht zu haben.

Ich bin nach Bochum mit der Frage gekommen, ob man Eigenheiten einer „europäischen Religionsgeschichte“, einem damals insbesondere in der deutschsprachigen Religionswissenschaft intensiv diskutierten Konzept zur Revision einer auf Kirchengeschichte fokussierten Religionsgeschichtsschreibung, bestimmen kann. Mein eingereichtes Konzept ging schon in den ersten Wochen den Weg alles Irdischen und erhielt in Bochum ein wissenschaftliches Begräbnis erster Klasse. Meine Hypothesen waren, das machten die Debatten mit Kolleginnen und Kollegen deutlich, unterkomplex und so nicht haltbar; immerhin sind die im Antrag ausgewiesenen Hauptkapitel als Nebenschauplätze von Fallbeispielen erhalten geblieben.

Ich habe dann in Bochum viel weniger geschrieben, als geplant und gehofft, und stattdessen viel diskutiert und gelesen und diskutiert und gelesen und diskutiert. Meine „‘Europäische’ Religionsgeschichte“ ist dann erst 2016 bei de Gruyter erschienen, da ich unmittelbar im Anschluss an die Bochumer Zeit einen Lehrstuhl erhalten habe. Aber die „Mutter“ dieses „Kindes“ ist das KHK, dort ist es auf die Welt gekommen, dort hat es seine pubertäre Widerborstigkeit ausgespielt. Meine These ist im Kern eine soziologische mit ideenhistorischer Begründung: Das antike Christentum setzt eine Zugehörigkeitsstruktur durch, die konzeptionell nicht mehr durch die Geburt vorgegeben wird, sondern auf eine Entscheidung beruhen soll. Dass Theorie und Praxis hier zeitweilig weit auseinanderliegen, versteht sich von selbst. Im Vergleich mit anderen Religionen (v. a. Judentum, Islam, Buddhismus) wird aber deutlich, dass die Architektur des religiösen Systems von diesem Ausgangspunkt durch sehr spezifische Elemente (etwa: Taufe, Katechese, Konversionen, Mission) gekennzeichnet ist. Stabilisiert wird ein solches System, dies ist eine Nebenthese, durch mit Hilfe eines Corpus autoritativer Schriften, im Extremfall durch einen Kanon.

Warum ist Ihr Forschungsthema zentral beim Verständnis von religiösen Dynamiken und Religionskontakten?

Mich hat interessiert und mich interessiert bis heute, wie sich eine partikulare religiöse Kultur stabilisiert, obwohl es Austausch, Verknüpfungen, Hybridisierungen, Überlappungen, Verdichtungen etc. gibt, also die ganze Palette von „Inter-“Prozessen, in denen religiöse Kulturen entstehen und Eigenheiten ausbilden. Warum, abgekürzt gefragt, werden sie nicht einander ähnlicher und vielleicht sogar gleich? Wenn man das zentrale Thema des KHK, die religiösen Dynamiken, nicht nur hinsichtlich ihrer Wirkungen auf Veränderungen untersucht, sondern auch hinsichtlich gegenläufiger Prozesse, muss man auch Stabilisierungsdynamiken ins Auge nehmen. Dies klingt banal, ist es aber vermutlich aus einem Grund nicht: Die Begründung für Stabilität wurde in der Religionswissenschaft oft in essentialistischen Annahmen gesucht, klassisch in „dem Wesen“ einer Religion. Quod non. Stabilisierung ist stattdessen im Spannungsverhältnis von Austauschprozessen und Religionskontakten auf der einen Seite und dem Anspruch auf der Bestimmung von Identitätsmarkern auf der anderen zu suchen. Stabilität ist insofern nicht „wesenhaft“, sondern ausgehandelt, auch hinsichtlich der Bedeutung von Elementen, die, wie ein Kanon, nicht mehr zur Disposition stehen sollen.

Wie lässt sich das KHK Bochum im Vergleich zu anderen Einrichtungen charakterisieren?

Eigene Erfahrungen habe ich als Fellow des Zentrums für Religion, Wirtschaft und Politik (ZRWP) der Universitäten Basel, Luzern und Zürich, des Institut for Advanced Study (IAS) in Princeton und an der Universität von Santa Barbara (Kalifornien). Zwei Dimensionen haben das KHK Bochum ausgezeichnet: Erstens, das klare inhaltliche Programm, das es ermöglicht hat, Fellows aus extrem unterschiedlichen Forschungsfeldern mithilfe gemeinsamer Fragen (oder manchmal auch nur gemeinsame Perspektiven) in den wissenschaftlichen Austausch zu bringen. Zweitens, die Lage im Ruhrgebiet, welches ein schier unerschöpfliches Reservoir von Anregungen birgt, die gerade dadurch wichtig sind, dass sie ausreichend Fremdheit schaffen, um in der Blase, die ein Forschungskolleg unvermeidbar ist und sein muss, diejenige Irritation zu schaffen, die man für kreatives Nachdenken braucht. Ich erinnere mich an Besuche der Zeche Zollverein, die Ausstellungen im Haus Weitmar, einen Vortrag von Günter Grass oder die Kooperation mit dem Essener Kulturwissenschaftlichen Institut.

Und wenn man von seinem Apartment an einem Ein-Euro-Shop vorbei zu einem Vortrag über Jesuiten am Hof des Mogul-Herrschers Akbar geht, kann man auch lebenswirklich sicher sein, nicht im wissenschaftlichen Treibsand zu ersticken.

Kritik zu üben, fällt mir – und das kommt eher selten vor – nicht leicht. Vielleicht dies: Einzelne Fellows haben sich rar gemacht, aber das gehört zu der Freiheit, die man am KHK großgeschrieben hat.

Hat der Aufenthalt am KHK Ihre eigene Forschung beeinflusst?

Ein ganz pragmatischer Nachklang des Aufenthalts im Bochumer KHK sind Beziehungen zu Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die teilweise auch erhalten geblieben sind, nachdem ich diesen locus amoenus verlassen habe. Eine zweite Folge ist ein Werkzeugkasten von Analyseinstrumenten, den man in seinem Kopf mitnimmt. In meinen eigenen Forschungen gibt es eine Art Bochumer Pfadabhängigkeit. Momentan versuche ich, theoretische Elemente für den Vergleich unterschiedlicher Kulturen zu entwickeln, deren Materialbezug offener ist als derjenige in dem Theoriematerial, das für meine „‘Europäische’ Religionsgeschichte“ genutzt habe. Diese Überlegungen drehen sich um zwei Achsen, um das Konzept einer kulturellen „Grammatik“ und um die „Wahrscheinlichkeit“ der Entwicklung kultureller Eigenheiten; insbesondere die historische Wahrscheinlichkeitsforschung ist ein noch kaum begangenes Forschungsfeld. Auch diese Theoriestücke spiele ich wieder materialbezogen, konkret: Warum entwickeln sich hegemonial christlich oder islamisch geprägte Kulturen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit unterschiedliche Bestimmungen des Verhältnisses von Religion und Politik?

Zuletzt ein Blick in die Zukunft: Da das KHK Bochum ein zeitlich begrenztes Projekt ist, steht die Frage im Raum, wie zukünftig die Religionsgeschichte erforscht werden sollte.

Mit Blick auf die Strukturen, sollte die Fächervielfalt („Orchideenfächer“) an den Universitäten einschließlich der dazu notwendigen Sprachkenntnisse erhalten werden. Ohne diese Investitionen wird Wissenschaft zum Handlanger hegemonialer Strukturen. Für Deutschland sei eine verbesserte Kooperation zwischen religionswissenschaftlichen und theologischen Fächern angeraten. Der Vorsprung in manchen Bereichen der Theologien (etwa in der Exegese) ist vermutlich nicht einmal langfristig auszugleichen, analog gilt dieser Vorsprung für die methodische und theoretische Reflexion über den Gegenstand „Religion“ in der Religionswissenschaft. Daneben gilt es, Kooperationen zwischen Forschungsinstituten, um Forscherinnen und Forschern, die an größeren Projekten arbeiten, längere Arbeitsphasen zu ermöglichen.

Mit Blick auf die Inhalte, sollte es eine bessere Vernetzung zwischen der allgemeinhistorischen und der religionswissenschaftlichen Erforschung der Globalgeschichte geben. Institutionell wie inhaltlich ist die Verklammerung oder der Austausch oft dürftig – Ausnahmen (Bayly, Conrad, Osterhammel) bestätigen hier, wenn ich es richtig sehe, die Regel. Auch sollte eine religionswissenschaftliche Christentumsforschung aufgebaut werden. Zudem sollte den religiösen Innovation durch nichthegemoniale Gruppen und Vorstellungen – zugegeben, diese sind weiterhin meine kleine, „esoterische“ Forschungsliebe – mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Darüber wissen wir selbst in kleinen Milieus noch immer wenig, global ist das Thema weitgehend, wenn ich dies richtig sehe, eine terra incognita.

Interview von Ulf Plessentin