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KHK-Fellow-Interview: "Atemberaubendes Wachstum"

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Ende März 2020 endet die zweite Förderphase des Käte Hamburger Kollegs "Dynamiken in der Religionsgeschichte zwischen Asien und Europa". Als größtes Forschungsvorhaben mit internationaler Reichweite hat es das Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) in den letzten zehn Jahren enorm geprägt. Zeit also, um in den nächsten Monaten etwas zurück und etwas nach vorne zu blicken und Gastwissenschaftler/innen des KHK zu Wort kommen zu lassen. Im dritten Interview der Reihe kommt die spanische Religionshistorikerin Ana María Echevarría zu Wort. Sie war sowohl in der ersten als auch zweiten Förderphase Gastwissenschaftlerin am Kolleg und kann seine Entwicklungen nachzeichnen.

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Wie sind Sie das erste Mal mit dem Käte Hamburger Kolleg in Kontakt gekommen? War das erst bei Ihrer Bewerbung?

Für das akademische Jahr 2011/12 wurde ich als Teilnehmerin des Themenfeldes „Ausbreitung“ eingeladen, das von Prof. Nikolas Jaspert gemeinsam mit Prof. Reinhold Glei geleitet wurde. Während meines Aufenthaltes engagierte ich mich in der Arbeitsgruppe zum Thema Mission und Austausch zwischen dem Mittelmeerwelt und Zentralasien. Außerdem besuchte ich die Konzeptgruppen „Inklusion und Abgrenzung“ sowie „Transfer und Widerstand“. Seit dieser Zeit habe ich regelmäßigen Kontakt mit dem Kolleg: Ich bin zu mehreren Forschungskurzaufenthalten und Workshops, die vom Kolleg organisiert wurden, nach Bochum gekommen. Außerdem habe ich eine Forschungskonferenz in Spanien organisiert und arbeite mit einigen ehemaligen Fellows in gemeinsamen Forschungsprojekten zusammen. Als ich von der Möglichkeit erfahren habe, für einen Kurzaufenthalt nach Bochum zu kommen, um für das Online-Journal Entangled Religions einen Beitrag zu schreiben, habe ich mich noch einmal beworben – auch wenn der Aufenthalt familiär bedingt für mich nur von kurzer Dauer war.

Zu welchem Thema haben Sie geforscht und hat das KHK ihre Forschung beeinflusst?

Da ich zweimal Fellow war, habe ich zwei Forschungsprojekte bearbeitet. Beide hängen mit meinem Forschungsfokus auf religiöse Minderheiten auf der mittelalterlichen iberischen Halbinseln zusammen. Mein erstes Projekt „Muslims as Heretics in Spanish Medieval Sources“ betrachtete die Islamrezeption und christlichen Erörterungen über die religiösen Begegnung mit dem neuen Glauben auf der Iberischen Halbinsel von der Zeit kurz nach den muslimischen Eroberungen bis ins 11. Jahrhundert. Das Projekt widmete sich der kulturellen Anpassung der iberischen Christen nach der islamischen Eroberung, Abgrenzungsprozesse zwischen Muslimen und Juden, und den theologischen Debatten in der Mittelmeerregion.
Das zweite Projekt mit dem Titel „Dhimma: The Status of Protection in a Mediterranean and Asian Context“ untersuchte den speziellen Ablauf von interreligiösen Kontakten, die in den Ländern des Islam vom Mittelmeerbecken über Afrika nach Asien stattfanden, und eine Anzahl von Religionsgemeinschaften betraf, die als „Leute des Buches“ (ahl al-kitab) bezeichnet wurden, die im weiteren Verlauf als „Schutzbefohlene“ (ahl al-dhimma) bekannt wurden. Dies brachte einige Änderungen in den muslimischen Gesetzen mit sich, damit den anderen Glaubensgemeinschaften in der gesellschaftlichen und religiösen Ordnung ein Platz zugewiesen werden konnte, der bis dato byzantinisch und zoroastrisch geprägt war. Gleichsam wurde der Rechtstitel des dhimma in andere kulturelle Kontexte übertragen und in neue Formen religiöser Interaktion umgewandelt, die ich derzeit untersuche.  

Inwiefern tragen Ihre Forschungsthemen zu einem besseren Verständnis von religiösen Dynamiken und Religionskontakten bei?

Meine Themen gehören in mehrfacher Hinsicht zu verschiedenen Forschungsfeldern des Kollegs, da sie die religiösen Interaktionen in multireligiösen und multikulturellen mittelalterlichen Gesellschaften untersuchen. Ich versuche dabei auch, den kulturellen und religiösen Austausch, so wie er im westlichen Mittelmeerbereich passiert ist, mit jenen Austauschprozessen im Nahen Osten und Zentralasien in Beziehung zu setzen und dabei die verschiedenen chronologischen Abfolgen in den Gebieten nachzuzeichnen.

Was charakterisiert das KHK im Vergleich zu anderen Forschungsinstitutionen?

Die Arbeit am Kolleg bindet Fellows aus verschiedenen Fächern und Ländern mit Fokussen auf verschiedene Zeitepochen und Kulturen ein und folgt einer sehr zielstrebigen hermeneutischen Agenda - ganz im Gegensatz zu anderen Fellowships, die die Forschenden mit ihrem Forschungsthema alleine lassen. Das Kolleg bietet deshalb ganz neue Forschungswerkzeuge für die Fächer an. Die Teilnahme an allen angebotenen Aktivitäten des Kollegs ist zwar kaum möglich, aber die Atmosphäre war stets geprägt von Inputs, interessanten Diskussionen und einer Flut an Ideen und der Freiheit, Konferenzen und Workshops zu besuchen. Das trug dazu bei, ein großes weltweit umspannendes Netzwerk an Forschern zu bilden - etwas, was andere deutsche Institutionen kaum vermögen, da sie entweder zu national oder europäisch ausgerichtet sind.

Hatte der Aufenthalt am KHK Bochum Einfluss auf Ihre Forschung hatte der? Und wenn ja, welchen?

Absolut. Er hat meine Arbeit beim Quellenstudium und der Quelleninterpretation total verändert. Er gab mir intellektuelle Austauschmöglichkeiten, die ich niemals in Spanien erwartet hätte, und er half mir dabei, meine Fremdsprachfähigkeiten als Dozentin und Vortragende auszubauen. Auf Themen mit einer globalen Perspektive zu schauen, hat mein Verständnis von lokaler Geschichte verändert. Und die angesprochenen anthropologischen, semantischen und religiösen Dimensionen haben meine Methodologie erweitert. Ich habe darüber hinaus auch Deutsch gelernt, so dass ich heute eine ganz neue Welt und akademische Tradition erschließen und in ERASMUS und anderen Austauschprogrammen mit Deutschland teilnehmen kann, was ich auch schon gemacht habe.

Warum haben Sie das Kolleg gleich dreimal als Forscherin besucht?

Die Atmosphäre ist schlichtweg inspirierend, jedes Mal. Es gibt da immer Freiraum zum Lesen, sich mit Kollegen auszutauschen, neue Ideen für zukünftige Forschungsgruppen zu diskutieren und Bücher und Ausstellungen zu realisieren… stets gefüllt mit Energie und neuen Herausforderungen.

Wie hat sich das Kolleg mit den Jahren verändert?

Strukturell gab es eine Reihe von Änderungen, Fellows kommen und gehen, wodurch es manchmal schwer fällt dem zu folgen, weil jedes Mal zu viele neue Menschen da sind. Der Gebäudewechsel und die Entwicklung vom CERES als Umfeld für Forschung und Lehre… alles war viel kleiner als ich das erste Mal in Bochum ankam, aber das Wachstum des ganzen Projektes ist atemberaubend. Ich glaube, die größte Herausforderung liegt darin, die Forscher/innen und den Kollegansatz in das deutsche System einzuführen, was besonders schwierig ist für ausländische Akademiker/innen, die nur kurz da sind.

Zuletzt ein Blick in die Zukunft: Das KHK Bochum mag zeitlich begrenzt sein, aber wie sollte Religionswissenschaft z. B. in etwa zehn Jahren mit Religionsgeschichte umgehen?

Glücklicherweise ist der Bedarf nach großen Forschungsverbünden für eine multidisziplinäre Forschung von anderen Drittmittelgebern wahrgenommen worden. Ich hoffe deshalb, dass solche Projekte wie das Kolleg weitermachen können und die dort etablierten Netzwerke überleben und neue jüngere Wissenschaftler/innen einbinden.

Das Feld Religionsgeschichte ist riesig und die Themen schwanken weltweit in Abhängigkeit von den politischen und gesellschaftlichen Ansichten. Die vergleichende Perspektive sollte klar gefördert werden: Das antike Griechenland und Römische Reiche sollten mehr mit Indien und China gegenübergestellt werden. Und Mesopotamien sollte stärker als Hintergrund für das Judentum und Christentum diskutiert werden. Der Islam sollte man sich in einer Art und Weise komparativ nähern, wie es zu meiner Zeit am Kolleg noch nicht in Erwägung gezogen wurde. Ich denke Afrika und Amerika sollten auch ab einem bestimmten Punkt berücksichtigt werden, da Entwicklungen in einigen Glaubenssystemen ohne diese Regionen nicht verständlich sind.

In meinem anschließenden Aufenthalt am Konstanzer Zentrum für kulturwissenschaftliche Forschung haben uns wir mit dem Thema von religiösen Minderheiten befasst. Mehrere Treffen, Diskussionen und gemeinsam verfasste Artikel haben die Forschungsarbeit weiter entfaltet, die schon in Bochum entstanden ist. Das Thema Gewalt und religiöse Interaktion ist eines, mit dem sich einige ehemalige KHK Gastwissenschaftler/innen beschäftigen und das einige wichtige Arbeitsergebnisse bereitstellt… die Liste wäre noch viel länger.

Übersetzung: U.P., Jan. 2019