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Interviewreihe Frauen am CERES #2: "Religionssoziologische Paradigmen überwiegend männlich besetzt"

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Auf den sechs Professuren, die dem Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) der RUB zugeordnet sind, sind drei Frauen berufen worden, wobei zusätzlich derzeit die Professur für Religionswissenschaft und Religionssoziologie von einer Frau vertreten wird. Das Verhältnis im akademischen Mittelbau beträgt fast paritätisch 17 wissenschaftliche Mitarbeiterinnen zu 15 wissenschaftlichen Mitarbeitern. In der Studierendenschaft studieren mehr Studentinnen in den beiden Studiengängen des CERES als männlichen Kommilitonen.

Gründe genug in einer Interviewreihe Einblicke in den Forschungs- und Lehralltag von Professorinnen, wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Studentinnen zu geben. Maren Freudenberg vertritt derzeit die Professur für Religionswissenschaft und Religionssoziologie. Bis Ende 2020 war sie die Wissenschaftliche Koordinatorin des Forschungskollegs RePliR. In ihrer Forschung untersucht sie u. a. das evangelikale Christentum in den USA und neocharismatische Freikirchen in Europa. Sie beschäftigt sich aus theoretischer Perspektive mit Autorität und Institutionalisierung, mit Dynamiken der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung in verschiedenen religiösen Sozialformen, aber auch mit Ansätzen der Religionsökonomie.  

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Evangelikales und charismatisches Christentum wird immer wieder als Erfolgsmodell gegenüber den Amtskirchen in Deutschland gepriesen: Mehr Emotion, mehr Hingabe, mehr Spiritualität, mehr Spielraum, mehr Rock’n Roll. Auf welche Aspekte legst Du in Deiner Forschung ein besonderes Augenmerk?

Mich interessieren vor allem Vergemeinschaftungsprozesse. Wie werden in charismatischen Freikirchen enge persönliche Bindungen geschaffen und gepflegt, sodass Menschen dauerhaft teilhaben möchten am Gemeindeleben? Es ist mehr als Rock'n Roll, was hier passiert, auch wenn moderne Musik und Gottesdienste, die an Popkonzerte erinnern, einen wichtigen Teil ausmachen. Der im Evangelikalismus tief verankerte Auftrag des Bekehrens – des Mitteilens des eigenen Glaubens anderen gegenüber – zeigt sich ganz basal in einer großen Offenheit für Neuankömmlinge. Wenn man zum ersten Mal eine charismatische Gemeinde, wie z. B. das International Christian Fellowship in Essen, besucht, wird man direkt angesprochen und aufgenommen. Es wird Interesse signalisiert, man stellt sich gegenseitig ein paar Fragen, wird anderen Mitgliedern vorgestellt und ist auf eine vorerst unverbindliche Art locker in der Gruppe integriert. Das spricht viele Menschen an, die auf der Suche nach Kontakt und später auch Gemeinschaft und Freundschaft sind. Gleichzeitig spielt der Glaube im Leben der Mitglieder eine wichtige Rolle und ist ein zentrales gemeinschaftsstiftendes Element. Neuankömmlinge mögen sich selbst vielleicht nicht als christlich beschreiben, lernen den christlichen Glauben in charismatischen Freikirchen aber schnell besser kennen: im Gottesdienst, in Kleingruppen, in Gesprächen mit anderen.

Das evangelikal-charismatische Christentum wird also durch enge zwischenmenschliche Beziehungen erfahren, in denen der oder die Einzelne sich als wichtiges und geschätztes Mitglied der Gemeinschaft begreift. In diesem vertrauten und persönlichen Kontext sind Menschen eher bereit, offen über ihren Glauben zu sprechen und mit großer Hingabe und Emotion Gottesdienst zu feiern. Dabei sind verschiedene Aspekte wichtig: der Gottesdienst in großer Runde als sonntägliches Event mit Musik, Gesang und Lobpreis wird ergänzt durch kleinformatige Treffen, in denen Beziehungen gut gepflegt werden können. Diese beruhen auf gegenseitiger Fürsorge, aber auch auf dem geteilten Glauben, der durch das gemeinschaftliche Praktizieren gleichsam gefestigt und bestätigt wird. Das braucht viel Zeit und Energie, lohnt sich in den Augen der Mitglieder aber sehr. Aus dieser Perspektive kann man von einem „Erfolgsmodell“ sprechen, da es charismatischen Freikirchen durch vergemeinschaftende Dynamiken gelingt, Mitglieder nachhaltig zu binden.

Der Religionssoziologe Martin Riesebrodt hat vor nunmehr über 20 Jahren charismatischen christlich-fundamentalistischen Bewegungen z. B. in Brasilien attestiert, sich gegen eine Macho-Kultur stark zu machen und stattdessen Männern eine fürsorgliche, aber dennoch patriarchalische Rolle in der Familie und Gemeinde zuzuschreiben. Frauen befänden sich da in einem anhaltenden Konflikt zwischen emanzipatorischer und traditioneller Rolle. Welche Entwicklungen der Geschlechterrollen lassen sich in den letzten zwei Jahrzehnten bei charismatisch-christlichen Gruppen beobachten?

Geschlechterrollen und -vorstellungen sind im charismatischen Christentum generell nach wie vor traditionell geprägt. Frauen sind theoretisch eher für den privaten Bereich, den Haushalt und die Kindererziehung, zuständig, während Männern der öffentliche Bereich, vor allem das Verdienen des Lebensunterhalts, zufällt. Praktisch lässt sich diese Vorstellung in Anbetracht hoher Lebenshaltungskosten oftmals aber kaum realisieren: entweder sind viele Haushalte auf zwei Einkommen angewiesen, um den Lebensstandard zu halten, oder aber die Frau muss als Erwerbstätige einspringen, wenn der Mann ausfällt, z. B. wegen Krankheit, aber auch wenn er die Familie verlassen hat – oder, gar nicht so selten, wegen Suchtproblemen oder Freiheitsstrafen. Obwohl Riesebrodt und andere richtigerweise festgestellt haben, dass die explizite Betonung des vorbildlichen evangelikalen Familienvaters tatsächlich ein gesteigertes Verantwortungsbewusstsein seitens evangelikaler Männer befördert hat, wird die Diskrepanz zwischen „idealen“ Geschlechtervorstellungen und tatsächlichen Geschlechterrollen immer wieder deutlich und muss ausgehandelt bzw. angepasst werden.

Aber auch in Fällen, in denen das traditionelle Familienmodell aufrechterhalten wird, tun sich neue Gestaltungsspielräume für Frauen auf. War z. B. im amerikanischen Evangelikalismus bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts das Verständnis gängig, dass die Frau sich dem Mann unterzuordnen und sogar zu unterwerfen habe, herrscht nun die Auffassung vor, dass Mann und Frau sich gegenseitig „ergänzen“ und sich quasi gleichberechtigt Gott zu unterwerfen haben. Diese Entwicklung stellte einen sehr wichtigen Schritt in der weiblichen Emanzipation im Evangelikalismus dar und hat in der Forschung der letzten Jahrzehnte den Blick auf die Selbstermächtigung der Frau auch in traditionell-patriarchalisch geprägten evangelikalen Strukturen gelenkt.

Dank Deiner Initiative gibt es den Safe Space CERES. Diskriminierungen, seien sie sexistisch, rassistisch, antisemitisch oder gegen LGTBIQ+ werden nicht toleriert und streng geahndet. Dazu wurde von Dir und Kolleginnen eine offene Sprechstunde für vertrauliche Gespräche eingerichtet, die sich an alle Studierende und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter richtet. Welche Maßnahmen kann darüber hinaus die Universität in diesem Bereich unternehmen?

Wir haben die Safe Space CERES-Initiative gemeinsam mit Kolleginnen aus der Lehre, der Studienkoordination des CERES sowie unseren Gleichstellungsbeauftragten gegründet, um klare Kante gegen Diskriminierungen jeglicher Art zu zeigen. Wichtig ist aus unserer Perspektive, sich im öffentlichen Raum – sowohl digital als auch analog – deutlich sichtbar zu positionieren, damit sich niemand alleine oder unbeachtet fühlt. Das ist insbesondere in der anhaltenden Pandemiesituation wichtig, in der sich Menschen noch mehr als vorher isoliert und vereinzelt fühlen. Wir haben eine digitale Sprechstunde zur vertraulichen Gesprächssuche eingerichtet und sensibilisieren fortlaufend auf verschiedenen Ebenen für potentielle Diskriminierungen und Strategien dagegen. Dazu gehört nicht nur ganz basal ein akzeptierendes und respektvolles Miteinander, sondern z. B. auch den Einbezug alternativer und marginalisierter Perspektiven in Lehrveranstaltungen und Diskussionen über verschiedene Arten und Ebenen von Diskriminierung.

Die RUB hat ebenfalls verschiedene Initiativen gestartet, darunter vor allem „MeToo in Science“, die auf einer großen Veranstaltung im Juni 2021 kritisch diskutiert wurde. Das International Office bietet Ressourcen zur kulturellen Sensibilisierung für Studierende aus anderen Teilen der Welt an, die möglicherweise nicht mit in Deutschland mehrheitlich vertretenen Werten und Normen vertraut sind, wie z. B. Gleichstellung der Geschlechter, Akzeptanz von alternativen Lebensentwürfen sowie sexuellen und Geschlechteridentitäten, Religionsfreiheit, Homosexualität etc.  Auch die Studierendenvertretungen verschiedener Gleichstellungsstellen an der RUB bringen sich für Diskriminierungsschutz ein. Wir arbeiten z. Z. daran, uns innerhalb der Universität noch besser zu vernetzen und auszutauschen, um uns für Diskriminierungsschutz und Gleichstellung für alle strukturell diskriminierten Gruppen einzusetzen.

Allein in NRW gibt es laut einer Datenbank knapp 900 Maßnahmen für die Geschlechtergleichstellung an Hochschulen. Trotzdem werden Professuren heute mehrheitlich mit Männern besetzt. Deutschlandweit erhält nur jede vierte Professur eine Frau. Wie sieht die Lage in der Religionssoziologie in Deutschland aus? Was bedeutet das für das Fach Religionssoziologie? Werden Themen dadurch stärker akzentuiert, während andere zurückstehen? Inwiefern spielen Genderthemen eine Rolle - und wer bearbeitet sie?

Genderthemen werden auch in der Religionssoziologie immer noch hauptsächlich von Wissenschaftlerinnen bearbeitet – diese Asymmetrie ist auch in anderen Geistes- und Gesellschaftswissenschaften vorhanden. Gleichzeitig sind Studien mit einem expliziten Fokus auf Männer und Männlichkeit – ob von Frauen oder Männern durchgeführt – in der Religionssoziologie nach wie vor rar gesät. Auch hier stehen wir als Disziplin nicht allein da. Sogar in den Gender Studies selbst haben sich Men’s bzw. Masculinity Studies als Subdisziplin nur langsam etablieren können. Während eine genauere Erforschung des weiblichen Geschlechts zunehmend als interessant und lohnenswert aufgefasst wurde, ließ eine ähnliche Aufmerksamkeit für die Vielschichtigkeit und Komplexitäten des männlichen Geschlechts lange auf sich warten. Das ändert sich langsam, auch in der Religionssoziologie. Insgesamt ist für unsere Disziplin aber festzuhalten, dass die deutsche Religionssoziologie deutlich weniger männlich besetzt ist als z. B. die Natur- und Ingenieurswissenschaften. Mir sind keine konkreten statistischen Erhebungen bekannt, aber Frauen sind auf Professuren, im Mittelbau, in Vorständen von Vereinigungen und in Redaktionsbeiräten durchaus vertreten. Das beeinflusst die Fächerkultur merklich, wenn auch noch viel Spielraum für weitere Entwicklungen in Richtung Gleichberechtigung vorhanden ist.

In welchen thematischen Feldern in der Religionssoziologie gibt es dahingehend eher wenig Berührung mit Genderperspektiven? Und welchen Mehrwert könnte da ein stärkerer Fokus darauf haben?

Übergeordnete religionssoziologische Paradigmen wie z. B. die Säkularisierungstheorie oder die Religionsökonomie sind überwiegend männlich besetzt, sowohl in dem Sinne, dass ihre wichtigsten Vertreter Männer sind, als auch dadurch, dass die Theorien von einer männlichen Perspektive ausgehen. Die Säkularisierungsdebatte legt z. B. ein Modernisierungsverständnis zugrunde, das hauptsächlich auf die männliche Entfremdung von institutionalisierter Religion aufbaut, u. a. durch ihre Einbindung in Erwerbsstrukturen, die zunehmend außerhalb des familiären Kontextes angesiedelt sind. Aus weiblicher Perspektive stellt sich dieser Prozess ganz anders dar: der Austritt von weiblichen Kirchenmitgliedern nimmt erst ab den 1960er Jahren im Zuge diverser Emanzipationsbewegungen zu und überholt dann sogar die Anzahl an männlichen Austritten. Dies wird in der jüngeren Religionssoziologie, z. B. in der Arbeit von Linda Woodhead, berücksichtigt.

Die Religionsökonomie als eine Kritik an der Säkularisierungsthese ist ebenfalls im doppelten Sinne männlich besetzt: Ihre wichtigsten Vertreter sind männliche Wissenschaftler, nicht zuletzt wegen der quantitativen und wirtschaftswissenschaftlich orientierten Arbeitsweise als einem Bereich, in dem Wissenschaftlerinnen nach wie vor unterrepräsentiert sind. Ferner geht auch die Religionsökonomie nicht von einem strukturellen Unterschied zwischen der männlichen und weiblichen Perspektive auf das Phänomen Religion aus, sondern setzt die latente Nachfrage nach Religion geschlechtsunabhängig als gegeben voraus. Hier bietet es sich an – und am CERES arbeiten wir gerade ein religionsökonomisches Modul u.a. mit diesem Schwerpunkt aus – zu untersuchen, inwiefern und warum unterschiedliche religiöse Angebote geschlechtsspezifisches Interesse wecken und welche geschlechtsspezifischen Handlungen dadurch hervorgerufen werden.

Ich möchte an dieser Stelle die Zwickmühle betonen, in der sich Genderperspektiven immer wieder finden: Sie betonen den Unterschied zwischen den Geschlechtern, um eine ausgewogenere Sichtweise und gleichberechtigtere Strukturen zu schaffen. Gleichzeitig reproduzieren sie Geschlechterunterschiede dadurch zwangsläufig. Dieser unumgänglichen Doppelstruktur sind sich Forscher:innen durchaus bewusst.

Zuletzt noch kurz ein Hinweis auf ein weiteres Paradigma der Religionssoziologie, das interessanterweise eher weiblich besetzt ist: die Privatisierung von Religion. Zwar geht diese These – ebenfalls eine kritische Reaktion auf das Säkularisierungsparadigma – mit Thomas Luckmann auf einen Mann zurück, allerdings wird ein substanzieller Teil der Forschung zum Rückzug der Religion in den privaten Bereich, zu Spiritualität, Esoterik, neuen religiösen Bewegungen und ähnlichem von Forscherinnen über Frauen durchgeführt.

Eine Frage zum Schluss: Wenn wir zehn Jahre vorausdenken, was hat sich ausgehend von heutigen Entwicklungen im Bereich Gleichstellung geändert und was muss sich bis dahin ändern?

Vieles muss sich ändern und wird es in den kommenden zehn Jahren hoffentlich auch. Wir müssen weiter daran arbeiten, Bewusstsein für benachteiligte und diskriminierte Gruppen zu schaffen – und hier denke ich explizit nicht nur an Frauen, sondern auch an Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen ohne familiären Bildungshintergrund, Menschen mit Beeinträchtigungen, die LGBTQI+-Community, religiöse Minderheiten und andere. Wir leben in einer „bunten“ Gesellschaft, wie es so schön heißt, und das ist gut und wichtig – und gleichzeitig auch immer wieder herausfordernd, da viele unterschiedliche Perspektiven und Vorstellungen unter einen Hut gebracht werden müssen. Das braucht Offenheit und die Fähigkeit, mit Unsicherheit umgehen zu können, wenn das eigene Weltbild mit anderen Entwürfen konfrontiert wird. Bewusstsein für Diskriminierung und strukturelle Benachteiligung allein reicht jedoch nicht, wir brauchen auch konkrete Handlungsanweisungen und Zielsetzungen, um Gleichstellung strukturell zu fördern – auch durch Quoten. Verbindliche quantitative Vereinbarungen sind ein zentraler Schritt, um diskriminierende Strukturen aufzubrechen und eine gleichberechtigtere Gesellschaft zu fördern.
 

Das Interview führte U. Plessentin