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Unerforschte Tibetische Texte analysiert

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Fast zeitgleich zum Herbstanfang beendete das DFG-Projekt Nyang Ral und seine Kodifizierung der rNying ma-Literatur und -Rituale seine Forschung. Das internationale Projektteam, bestehend aus britischen und belgischen Forscher/innen, wurde geleitet von Carmen Meinert, Professorin für Religionen Zentralasien am CERES. Durch die Forschungen des zweijährigen Projektes (Oktober 2017 bis September 2019) ist es nun möglich, die zentralen Beiträge zu Ritualliteratur des tibetischen Buddhismus von Myang ral Nyi ma ’od zer’s (1124-1192) eingehender  beurteilen und einordnen zu können. Der tibetische Gelehrte Myang ral Nyi ma ’od zer’s (auch als Nyangrel Nyima Özer geschrieben) gilt als der erste von fünf Tertön-Königen der Nyingma (rNying ma) Tradition, die die ältesten Linie der vier tibetischen Buddhismustraditionen darstellt. Den Tertön-Königen wird nachgesagt, alte versteckte Texte wiederentdeckt zu haben, die wesentlich den tibetischen Buddhismus prägten.

Der Forschungsfocus des Projektes lag auf einen ganz speziellen Teil (Vajrakīlaya) des umfangreichen tantrischen Zyklus Kagye Deshek Dupa, der von Myang ral verfasst wurde. Wesentliche Schlüsseltexte darin wurden von den beteiligten Forscher/innen mit philologischen Methoden detailliert untersucht. Dadurch wurde eine Tür zum gesamten literarischen Corpus geöffnet, der bahnbrechend für die Kodifizierung und Niederschrift der bedeutenden Nyingma (rNying ma) Tradition des tibetischen Buddhismus ist - und bis dato in der tibetologischen Fachwelt als unerforscht galt. Das Projekt erforschte somit Texte, deren Existenz zwar bekannt war, aber deren Inhalte noch nicht durch die Forschung aufbereitet waren.

Ausgehend von dieser philologischen Arbeit konnte das Projekt außerdem detailreich die Art und Weise aufzeigen, wie der Gelehrte Myang ral bereits existierendes Textmaterial in seine Offenbarungsschrift des Kagye Deshek Dupa Corpus einfließen ließ. So entstand einer der untersuchten Texte eindeutig vor der Lebenszeit Myang ral, indem er geradezu identisch zu einem archäologisch entdeckten Manuskript ist, welches nicht später als auf das ausgehende 11. Jahrhundert datiert wird - also mehrere Jahrzehnte vor seiner Geburt. Die Bandbreite an Instruktionen und Kommentaren in den anderen Textabschnitten hilft zusäztlich, Licht auf dieses Manuskript der frühen Entstehungsgeschichte des tantrischen Buddhismus in Tibet zu werfen. Nimmt man an, dass Myan rals Text als Teil seiner Offenbarungsschrift gilt, ergeben sich ganz grundsätzliche Fragen hinsichtlich der Grenzen zwischen der Autorenschaft, der Zusammenstellung, der Enthüllung und Weitergabe von Heiligen Schriften.

Ziel des Projektes war es außerdem, ein mehrebiges, nuanciertes Verständnis der tantrischen Offenbarungsliteratur in Tibet anzubieten: Zum einen, weil es die Kontinuitätslinien zwischen den als "Schätzen" (Tibetisch: gter ma) bezeichneten Texten und den früher entstandenen tantrischen Offenbarungsschriften aus Indien und Tibet aufzeigt. Zum anderen, weil es die Forschungsfragen in einen breiten komparativen Rahmen stellt, in dem kulturanthropologische Ansätze, gerade in Hinblick auf das Verbergen von Schätzen und der Anbetung von lokalen Gottheiten, angewendet werden. Dieser vom Projekt angewandte Forschungsansatz erweist sich für die tibetologische Arbeit mit der tibetischen "Schatz"-Tradition, aber auch für religionswissenschaftliche und anthropologische Forschende als äußerst gewinnbringend. 

Um die Forschung einem breiten akademischen Publikum zugänglich zu machen, werden zentrale Ergebnisse des Projektes als Teil der unter open-access-Bedingungen herausgegebenen BuddhistRoad Papers publiziert.