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(© Stefano Tammaro@AdoberStock)
EIN JAHR IM AMT

Bilanzierende Perspektiven aus der Religionswissenschaft auf das erste Amtsjahr von Leo XIV.

Am 8. Mai wird Papst Leo XIV. seit einem Jahr im Amt sein. Aus diesem Anlass haben wir Maren Freudenberg und Christoph Sander um eine Einordnung gebeten – jeweils ausgehend von ihren eigenen religionswissenschaftlichen Forschungsperspektiven: Welche Entwicklungen stechen besonders hervor? Welche Dynamiken werden bisher sichtbar?
KI, digitale Religion und die katholische Kirche

Christoph Sander betrachtet das erste Amtsjahr von Papst Leo XIV. insbesondere vor dem Hintergrund aktueller Debatten um Künstliche Intelligenz, digitale Öffentlichkeit und religiöse Autorität:

„Papst Franziskus, aka Balenciaga Pope, kennt man in High Fashion -- dank Midjourneys generativer KI.

Papst Leo XIV. machte KI dann selbst zum Gegenstand, und zwar sogleich in seiner ersten Ansprache als Pontifex: Künstliche Intelligenz als industrielle Revolution mit brisanten sozialen Folgen.
Diese Folgen betreffen aber nicht nur die Arbeitskraft am Fließband und hinter'm Schreibtisch, sondern auch die auf der Kanzel. Die "künstliche Intelligenz wird niemals Glauben teilen können" ermahnt er seine Hirten, die ihre Vibe-Predigten mit ChatGPT prompten und teilen. Solange Claude AI nicht gnadenbedürftig ist, wird er kein Pastoral übernehmen.
Überhaupt, der Transhumanismus behagt der katholischen Kirche nicht, im naturalistischen Fehlschluss: "the artificial relativises what is ‘natural’ as a normative reference for human action". Digitale Religion gilt gar als Verstoß gegen das erste Gebot (~Du sollst keine anderen Götter neben mir haben). Dass gerade der wichtigste Hardwareteil moderner KI praktisch allein von einer Firma mit dem Namen der Todsünde des Neides hergestellt wird, NVIDIA, ist wohl Zufall.
Der Papst hat in diesem ersten Jahr seiner Stellverstretung Christi die technologischen Zeichen der Zeit erkannt. Er scheut sich auch nicht vor dem Konflikt mit den Magnaten des Silicion Valley. Dieses Temperament und Alignement fehlen der US-amerikanischen Bischofskonferenz ganz offensichtlich. Ob sie ihren Peterspfennig in Bitcoin erhalten?“

Katholizismus, Politik und gesellschaftliche Polarisierung in den USA

Maren Freudenberg analysiert die Rolle des Papstes vor allem im Kontext aktueller gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen in den USA:

„Ein Jahr Papst Leo ... Was ist passiert im letzten Jahr? In den USA genießt der Papst hohe Beliebtheit - seine Beliebtheitswerte sind sogar höher als die von Präsident Trump. Der Papst hat sich kürzlich im Kontext des Iran-Kriegs dazu geäußert, dass er Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Nächstenliebe als höchstes Gut sieht. Er hat sich gegen Unrecht und Leid ausgesprochen, und das hat die Trump-Regierung als Kritik am eigenen Politikstil, als Kritik am militärischen Einsatz in Iran gewertet. JD Vance hat umgehend zurückgeschossen: Der Papst habe sich aus politischen Angelegenheiten mit seinen theologischen Einschätzungen herauszuhalten. Was ist da der Hintergrund? In den USA findet zurzeit ein Kampf um die katholischen Wählerstimmen statt. Mit Blick auf die Midterms im November - da werden Gouverneursposten sowie viele Sitze im Kongress neu besetzt - und die katholische Wählerschaft ist hier eventuell ein Zünglein an der Waage. Deswegen ist die Trump Regierung in Aufruhr über die angebliche Einmischung des Papstes in die US-Politik und möchte die katholische Wählerschaft zurück auf ihre Seite ziehen. Es bleibt abzuwarten, ob sie damit erfolgreich sein wird, ob die Trump Regierung tatsächlich Katholik:innen gewinnen wird in der Midterm-Wahl, denn ein Großteil aller Katholik:innen in den USA unterstützt Papst Leo ausdrücklich.“

Mit Blick auf die historische Entwicklung des Katholizismus in den USA ergänzt sie:

„Der Katholizismus war in den USA historisch immer ein Außenseiter gegenüber dem dominanten Protestantismus – jetzt sind so viele Katholiken Mitglieder der US-Regierung wie noch nie. Die katholische Führungsriege in den USA (Bischöfe, aber z.B. auch Vizepräsident J.D. Vance) ist relativ konservativ, während die katholische Bevölkerung tendenziell liberaler ist – z.B. in Sachen LGBTQIA+, Abtreibung und Einwanderung.“

Die Perspektiven von Freudenberg und Sander verdeutlichen, wie unterschiedlich religionswissenschaftliche Forschung auf aktuelle Entwicklungen rund um das Papstamt blicken kann – von Fragen digitaler Religion und technologischer Transformation bis hin zu gesellschaftlicher Polarisierung, religiöser Autorität und globalen Dynamiken des Katholizismus.

Maren Freudenberg forscht unter anderem zu religiöser Autorität, Religion in modernen Gesellschaften sowie US-amerikanischem Christentum und pfingstlerisch-charismatischen Bewegungen. Ihre religionssoziologischen und historischen Perspektiven richten den Blick insbesondere auf Fragen von Institutionalisierung, gesellschaftlichem Wandel und religiöser Öffentlichkeit.

Christoph Sander beschäftigt sich als Juniorprofessor für Digital Humanities mit Wissens- und Wissenschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit sowie der religionswissenschaftlichen Erforschung des Christentums in dieser Epoche. Seine Forschung verbindet digitale Methoden mit historischer Religionsforschung, aktuell in Form des Projektes „Science and Dogma (SCIGMA) Tracing Natural Knowledge within Scholastic Theology (1545–1789)“. Im Rahmen des DFG-Projekts „GRACEFUL17“ zur päpstlichen Verwaltungspraxis im 17. Jahrhundert war er am Deutschen Historischen Institut in Rom tätig und konnte dort vatikanische Strukturen und Dynamiken über zwei Jahre hinweg aus nächster Nähe beobachten.

Copyrightangaben Fotos:

Offizielles Papstfoto: https://www.vatican.va/content/vatican/it/special/habemus-papam/habemus-papam-2025/foto-leone-xiv.html ©Vatican Media

Papst Franziskus, aka Balenciaga Pope: https://www.reddit.com/r/midjourney/comments/120vhdc/the_pope_drip/