Anna Neumaier ordnet aktuelle Entwicklungen zu Kirchenmitgliedschaft und Ritualpraxis ein
Im Gespräch mit Bayern 2 in der Sendung „Glauben – Zweifeln – Leben“ (Ausstrahlung am 22. März) kommentierte sie die am 16. März veröffentlichten Zahlen zu Kirchenmitgliedschaften für das Jahr 2025. Den aktuellen Statistiken zufolge sank die Zahl der katholischen Kirchenmitglieder um rund 550.000 auf etwa 19,22 Millionen, was einem Anteil von etwa 23 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Auch die Zahl der evangelischen Kirchenmitglieder ging weiter zurück und verringerte sich um rund 580.000 auf etwa 17,4 Millionen. Die Zahl der Kirchenaustritte blieb mit etwa 350.000 auf dem Niveau des Vorjahres, wie aus den Daten der Evangelischen Kirche in Deutschland hervorgeht. Zwar seien, so Neumaier, die absoluten Austrittszahlen leicht gesunken, in Relation zur Zahl der Kirchenmitglieder seien sie aber weiterhin auf hohem Niveau. Im Interview wies Neumaier auch auf den Forschungsstand zu den Ursachen der Austritte hin: Der erste Einzug der Kirchensteuer auf dem Gehaltsscheck könne zwar ein Auslöser sein, die Wurzel liege aber in der Regel tiefer, insbesondere in einer zunehmenden religiösen Indifferenz einer großen Gruppe an Menschen, die keinen Bezug zu Kirchen haben und denen Religion schlicht egal ist.
Im Interview mit NDR Kultur, das am 14. April ausgestrahlt wurde, stand ein vermeintlich gegenläufiger Trend im Mittelpunkt: das wachsende Interesse junger Menschen an kirchlichen Ritualen wie der Konfirmation. Neumaier bewertete dieses Phänomen dahingehend, dass Rituale weiterhin eine wichtige Funktion für individuelle Orientierung und soziale Einbindung erfüllen – sowohl im kirchlichen Kontext als auch in Form alltagsbezogener Praktiken mit religiösen Bezügen. Übergangsrituale wie die Konfirmation eröffneten dabei Möglichkeiten, biografische Einschnitte bewusst zu gestalten und Zugehörigkeit zu erfahren.
Zugleich verwies die Religionswissenschaftlerin darauf, dass die Familie nach wie vor den zentralen Kontaktpunkt mit Religion darstelle, auch wenn dieser Einfluss insgesamt abnehme. Weitere Zugänge ergäben sich unter anderem durch Freund*innen, die besonders religiös sind, oder soziale Medien, in denen Content-Creator*innen Religion als selbstverständlichen Bestandteil eines modernen Alltags präsentieren würden.
Im Zusammenhang mit der Frage, wie sich das anhaltende Bedürfnis nach Gemeinschaft und Ritualen mit steigenden Kirchenaustrittszahlen vereinbaren lässt (womit sich zugleich der Bogen zum ersten Interview schlagen lässt), führte Neumaier aus, dass der Rückgang kirchlicher Bindungen mit einer Verlagerung religiöser Praxis in den privaten Bereich einhergehe. Die sinkende Bereitschaft zu langfristiger institutioneller Zugehörigkeit erklärte sie unter anderem mit veränderten Biografien sowie einem gewachsenen Misstrauen gegenüber kirchlichen Institutionen, etwa im Kontext von Fällen sexualisierter Gewalt. Zugleich betonte sie, dass Bedürfnisse nach Gemeinschaft und Sinnstiftung weiterhin bestehen, jedoch zunehmend auch außerhalb traditioneller Kirchenstrukturen – etwa in digitalen Medien – Ausdruck finden.
Das Interview bei Bayern 2 ist ausschließlich über die ARD Sounds-App abrufbar. Das Gespräch bei NDR Kultur kann hier nachgehört werden:
https://www.ndr.de/kultur/gesellschaft/junge-menschen-alte-rituale-warum-segen-und-konfirmation-so-gefragt-sind,neumaier-102.html