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Strukturelle Wandlungsprozesse der großen Konfessionen zwischen 1949 und 1989

Phase I (2006-2009): Amt und Partizipation

In der ersten Projektphase wurden am Beispiel ausgesuchter (Erz-)Diözesen und evangelischer Landeskirchen die strukturellen Wandlungsprozesse der großen Konfessionen zwischen 1949 und 1989 untersucht. Die Erhebung empirischer Daten und rechtlicher Grundlagen dieser (Erz-)Diözesen und Landeskirchen erfolgte mit dem Ziel, innerkirchliche Strukturwandlungsprozesse inter-konfessionell vergleichend zu rekonstruieren und vor dem Hintergrund gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen zu analysieren.

Die empirische Erhebung konzentrierte sich auf die obere pastorale Ebene, d. h. die Leitungsebene der untersuchten (Erz-)Diözesen und Landeskirchen. Der komparative Ansatz des Teilprojektes legte es nahe, bei der Untersuchung der Leitungsebene zu differenzieren zwischen den Bereichen Verfassung, Verwaltung und Finanzen. Mit dieser Differenzierung wurde die Voraussetzung für eine vergleichende Analyse aus innerkirchlicher, interkonfessioneller und gesamtgesellschaftlicher Perspektive geschaffen.

Die komparative Analyse des strukturellen Wandels der großen Konfessionen in Landeskirchen und Diözesen führt zu dem Ergebnis, wenn man das Gesamtbild in den Mittelpunkt rückt, dass die Entwicklungen beider Konfessionen ganz unbeschadet ihrer theologischen Differenzen im Untersuchungszeitraum doch sehr parallel, ja vielleicht konvergent verlaufen sind. Das gilt sogar für den Bereich kirchlicher Leitungs- und Verfassungsstrukturen, und zwar trotz der durchweg als sehr unterschiedlich wahrgenommenen theologischen Ausgangspositionen. In beiden Großkirchen wurden seit Ende der 1960er Jahre Formen der Partizipation der Laien bzw. Gemeindemitglieder an der Sendung der Kirche weiterentwickelt bzw. in der katholischen Kirche neu geschaffen. Im Vergleich zu der im Laufe der 1960er Jahre fortgeführten Demokratisierung evangelischer Kirchenstrukturen setzten die Veränderungen im Katholizismus erst in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962−1965) und der darauf folgenden Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland (1971−1975) ein: In diözesane Organisationsstrukturen wurden synodale Elemente als Formen der Mitverantwortung an der Sendung der Kirche eingeführt.

Der Beitrag dieses Teilprojektes für das Gesamtprojekt ist die Erforschung der auch für alle anderen Projekte grundlegenden Organisationsformen kirchlichen Handelns. Die Religionssoziologie hat in den letzten Jahren hervorgehoben, dass neben der Entwicklung der Religiosität auf der Mikro- und Makro-Ebene gerade die Entwicklungen auf der Meso-Ebene, also der religiösen Vergemeinschaftungen besondere Aufmerksamkeit verdienen. Während Detlef Pollack forderte, interreligiös und interkonfessionell zu untersuchen, welche Handlungsstrategien und theologischen Konzepte sowie praktischen Handlungsformen die Kirchen selbst entwickelt haben und welche theologischen, kirchenpraktischen und politischen Diskurse in diesem Kontext geführt wurden, unterstrich der flämische Religionssoziologe Staf Hellemans, dass die Kirchen nicht mehr nur als Opfer der Moderne betrachtet und die meist vergessene oder heruntergespielte Transformation der Großkirchen nicht außer Acht gelassen werden solle.

Im Rahmen einer gemeinsam mit Staf Hellemans (Utrecht/Tilburg) veranstalteten internationalen Konferenz an der Ruhr-Universität Bochum (20.-22. Nov. 2008) wurden die Ergebnisse der ersten Arbeitsphase präsentiert. In Kooperation mit Forschern aus den Niederlanden, Dänemark, Belgien, Frankreich, Italien und der Bundesrepublik Deutschland stand die Frage nach De- und Relokalisierungs-tendenzen in den Großkirchen im Mittelpunkt des Interesses. Der Ertrag der Konferenz wird in einem Konferenzband veröffentlicht, der im Frühjahr 2010 erscheint.

Phase II (2009-2012): Religiöse Organisation

In der zweiten Projektphase werden ältere und neuere Formen der religiösen Selbstorganisation und deren semantische Muster im Umfeld der amtskirchlichen Strukturen zum Forschungsgegenstand gemacht. Das Ziel des Teilprojekts ist die Rekonstruktion der komplexen Prozesse im Feld der religiösen Selbst-organisation, und zwar sowohl in Gestalt der älteren Formen der traditionellen Verbände, die im Untersuchungszeitraum Veränderungen unterworfen waren, als auch der neueren Formen, in denen religiöses Handeln im Untersuchungs-zeitraum Gestalt annahm.

Traditionelle Verbände

Im Untersuchungszeitraum sind sowohl in protestantischen als auch in katholischen Verbänden vielfach Krisendiskurse zu beobachten, die gleichwohl nicht zum prognostizierten Kollaps führten. Vielmehr erfolgten in diesen Organisationen semantische Umcodierungen und Neupositionierungen, denen das besondere Interesse des Projektes gilt.

Die Untersuchung erfolgt exemplarisch an zwei konfessionellen Frauen-verbänden, der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (KFD) und der Evangelischen Frauenhilfe (EFH). Dabei werden die Verbandsstruktur, das Verbandsprofil, Verbandstrategien in Krisen- und Konkurrenzsituationen sowie Vernetzungsstrategien auf nationaler und internationaler Ebene in den Blick genommen. Hierbei wird es vor allem um die Beschreibung eines sich wandelnden Rollenverständnisses von Frauen in Kirche und Gesellschaft gehen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg erneut in konfessionell geprägten Verbandsstrukturen organisiert haben.

Religiöser Bewegungssektor

Dass es seit den 1960er Jahren einen Schub von „neuen“ Formen der religiösen Selbstorganisation gab, ist vielfach mehr generalisierend denn detailliert umschrieben worden. Es ist das Ziel des Projekts, die Dynamik dieses Feldes exemplarisch zu rekonstruieren. Dabei stellen sich der Forschung gleich mehrere Fragen: Erstens ist nach den Motiven, Handlungsmustern und der Zahl der Akteure zu fragen, zweitens nach dem dadurch definierten Verhältnis zu den „etablierten“ Großkirchen, drittens zu den (möglicherweise „verkirchlichten“) älteren Traditionsvereinigungen. So ist die gängige Deutung zu überprüfen, wonach die neuen religiösen Bewegungen Bedürfnisse artikulierten, die in den letztgenannten Sozialformen keine „Beheimatung“ mehr fanden. Tatsächlich scheint es sich aber so zu verhalten, dass diese neuen religiösen Bewegungen vielfach keineswegs als „Konkurrenz“ zu den Großkirchen agieren, sondern innerhalb ihres Kontextes, in ihren Gemeinden oder an ihren Rändern. Falls dies zutrifft, ist die Wahrnehmung, dass im Raum der „modernisierten“ Großkirchen keine religionsproduktiven Entwicklungen zu beobachten sind, so nicht haltbar. Zu prüfen ist vielmehr, ob hier Innovationsprozesse zu beobachten sind, die auf Dauer auch in die etablierten Großkirchen oder deren Vereinsstrukturen hinein diffundieren und deren Charakter dann nachhaltig verändern können.

Ein exemplarisches Forschungsfeld sind die dem feministischen Spektrum zuzuordnenden Gruppierungen und Initiativen, deren Untersuchung Einsichten in die stark diskutierte Relevanz der Geschlechterrollen und -identitäten im Kontext des religiösen Wandels verspricht. Ein zweites exemplarisches Forschungsfeld sind die christlichen Dritte-Welt-Gruppen. Mit ihnen kommen Transformationsprozesse des Bewegungssektors in den Blick, in denen sich Politisierung und Internationalisierung religiöser Bewegungen abzeichnen.