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Pluralisierung des Religiösen. Zur Transformation religiöser Deutungsmuster aus Sicht der Anbieterseite

Im Mittelpunkt des Forschungsprojektes steht die historische Genese der alternativen Religiosität in Deutschland seit den späten 1960er Jahren. Im Gegensatz zu den bestehenden Erklärungsansätzen, die das alternative Heilsgeschehen so gut wie ausschließlich über die Nachfrageseite ableiten („Individualisierung“, „Subjektivierung“, „Privatisierung“), soll im anvisierten Projekt die Angebotsseite der alternativen Religiosität untersucht werden. Es geht um den Beitrag, den ein neues Spezialistentum religiöser Produktion zur Transformation religiöser Deutungsmuster leistet.

Um die Entstehung der zeitgenössischen „Esoterik“ von der Angebotsseite her nachzuvollziehen, stehen zunächst die Sozialisationsbedingungen der Anbieter im Vordergrund: Inwiefern hat das Aufkommen der „postindustriellen Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft“ insbesondere im Bereich der Mittelschichten dazu beigetragen, dass eine Vielzahl von freigewerblichen Ritendesignern im Bereich der Kur von Leib und Seele entstanden ist? Der Blick auf die Angebotsseite soll Aufschluss über die soziale Herkunft, die habituellen Dispositionen und den gestalterischen Einfluss alternativreligiöser Dienstleistungsanbieter geben. Dazu ist vorgesehen, mittels qualitativer Studien Aufschluss über die Sinnstrukturen der Anbieter zu erhalten.

Mit dem Perspektivenwechsel zur Produktionsseite alternativer Religiosität verbindet sich ein weiteres Erkenntnisinteresse: Neben der Erforschung der sozialstrukturellen Entstehungsbedingungen neuer Religiosität gewährt die Fokussierung auf die Angebotsseite zugleich auch Einblicke in die institutionellen Aspekte religiösen Wandels. War die Szene in ihren Anfangsjahren noch von gemeinschaftsförmigen Gebilden in Form von Kleingruppen oder „Kommunen“ geprägt, so hat sich mit dem Aufkommen des neuen religiösen Unternehmertums der Trend zu episodenförmigen Dienstleistungsbeziehungen durchgesetzt. Im Hinblick auf die neuen Interaktionsformen gilt es zu klären, welches die Mechanismen sind, welche hier die kommunikative Konstruktion von Heil und Heilung ermöglichen: D. h. wie wird in den neuen Vermittlungsstrukturen das Vertrauen von „Experten“ und „Klienten“ hergestellt, wodurch können Anbieter und Nachfrager eine gemeinsame Situationsdefinition herstellen?

Mit dem Aufkommen des neuen religiösen Unternehmertums verbindet sich drittens eine weitere Entwicklung, die das Gesicht der alternativreligiösen Szenerie in entscheidendem Maße prägt: Die Pluralisierung ihrer Angebotsformen und Inhalte. Während Studien aus den 1970er Jahren für die damalige BRD eine Gesamtzahl von rund 100 alternativreligiösen Zentren ausmachen, gelangen gegenwärtige Schätzungen unabhängig voneinander zu einem Wert, der bei rund 10.000 örtlichen Zentren liegt. Die pluralistische Konstellation unter den Anbietern soll im anvisierten Projekt in ihren semantischen Implikationen untersucht werden: So dürften beispielsweise gerade die für die neureligiöse Szenerie als typisch gehandelten Bezugspunkte der „Erlebnisorientierung“ oder der „Ausweitung des Religiösen“ auf einen Kontext der Bildung, der körperlichen Heilung und der Beratung ganz entscheidend mit der pluralistischen Angebotskonstellation zusammenhängen. Denn insbesondere durch die Zurschaustellung religiöser Innovation versucht das neue religiöse Unternehmertum, die Aufmerksamkeit eines Publikums zu gewinnen, das längst nicht mehr gezwungen ist, sich an einen Anbieter zu binden. Dabei interessieren vor allem die Vielstimmigkeit, die praktische Anwendungsfreundlichkeit und die kundengerechte Darbietung religiöser Ideen. Inwiefern die Zwänge der Innovation und der Kundenorientierung ihren Niederschlag auf der semantischen Ebene der propagierten Heilsideen finden, soll durch eine Inhaltsanalyse der Verlautbarungen und Programmatiken des neuen religiösen Unternehmertums ermittelt werden.

Zusammenfassend gliedert sich das Vorhaben in drei Schwerpunkte:

  1. Die historische Rekonstruktion der Angebotsseite neuer Religiosität unter besonderer Berücksichtigung der Entstehung eines neuen religiösen Unternehmertums.
  2. Eine institutionentheoretische Analyse des Wandels religiöser Interaktionsstrukturen.
  3. Die Erforschung des Zusammenhangs von neuen religiösen Vermittlungsformen und der Innovation religiöser Semantiken.

Beteiligte Personen