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Interreligiöse Zusammenarbeit?

Eine vergleichende Analyse der korporativen Vernetzung von religiösen (Migranten-)Organisationen im Ruhrgebiet

In Deutschland fallen die späte Anerkennung des Status eines Einwanderungslandes mit einer zunehmenden Sichtbarwerdung und wahrgenommenen Bedrohung durch den Islam zeitlich zusammen. Als Folge dieser Koinzidenz stehen derzeit Migrantenorganisationen, der soziale Zusammenhalt innerhalb der deutschen Bevölkerung und allgemein soziale Beziehungen in einer ständigen gesellschaftspolitischen Diskursöffentlichkeit. In diesem Zusammenhang wird immer wieder die Bedeutung des Einflusses religiöser Zugehörigkeiten betont.

Die wissenschaftliche Forschung entdeckt zunehmend die Relevanz von religiösen Organisationen für die soziale (Ein- und An-) Bindung von Menschen mit Migrationshintergrund. Dabei werden jedoch bislang ausschließlich die Vernetzungen entweder mit politischen Akteuren und Institutionen oder zu Akteuren mit der gleichen religiösen bzw. ethnischen Gruppe untersucht.

Die Erforschung der Vernetzung von unterschiedlichen religiösen korporativen Akteuren untereinander ist in vielerlei Hinsicht besonders interessant. Sie verspricht beispielsweise Aufschluss darüber zu geben, wie identifikative Gruppengrenzen überwunden werden und Solidaritätsbeziehungen jenseits kultureller Unterschiede entstehen können. Allerdings wurden derartige Analysen bisher ausschließlich historisch durchgeführt.

 

Worum geht es

In dem Dissertationsprojekt beleuchte ich interreligiöse Beziehungen zwischen organisierten religiösen Gemeinschaften in der Gegenwart. Dabei verfolge ich zwei, in theoretischer und empirischer Hinsicht eng miteinander verknüpfte Schwerpunkte. Einer dieser Schwerpunkte ist die Beschreibung und Darstellung der Vernetzung religiöser Organisationen (religiöse Vereine, Gemeinden und Kirchen) im Ruhrgebiet untereinander im interstädtischen Vergleich. Zum anderen gehe ich der Frage nach, welche Faktoren und Rahmenbedingungen in welcher Weise auf interreligiöse Vernetzungsbestrebungen wirken.

Forschungsleitend sind dabei verschiedene Fragen. Wie sehen korporative Netzwerke religiöser Organisationen in einem religiös diversen Ballungsgebiet aus und wie ist deren Struktur zu interpretieren? Arbeiten verschieden religiöse (Migranten-) Organisationen zusammen? Falls ja, unter welchen Bedingungen kommt diese Zusammenarbeit zustande? Was begünstigt sie oder woran scheitert sie? Im Fokus steht also ganz allgemein die empirische Beantwortung der Frage:

Was bringt (unterschiedlich) religiöse Organisationen wie zusammen?

 

Wie gehe ich vor

Im Zentrum des Vorhabens stehen die Untersuchung des Zusammenspiels von räumlichen, sozialen, politischen, normativen und kulturellen Einflüssen einerseits sowie sozialen und symbolischen Grenzen zwischen korporativen religiösen Akteuren und Veränderungen dieser Grenzen andererseits. Es knüpft damit an Theorien identifikativer Grenzen und Grenzziehungsprozesse (Alba 2005; Lamont/Molnár 2002; Wimmer 2008), politischer und normativer Opportunitätsstrukturen und eine pragmatisch relationale Perspektive an.

Neben der Gegenüberstellung der Vernetzung der religiösen Organisationen aus zwei Ruhrgebietsstädten wird eine komparative Analyse egozentrierter Netzwerke verschieden religiöser (Migranten-)Organisationen durchgeführt. Empirisch werden dabei quantitative und qualitative Methoden miteinander kombiniert.

Die Datengewinnung ist auf drei verschiedene Arten von Instrumenten beziehungsweise Methoden gestützt, teilnehmende Beobachtung, halboffene Fragebögen und leitfadengestützte Experteninterviews. Die Fragebögen dienen sowohl der Erhebung von Netzwerkdaten als auch der Identifikation relevanter Einflüsse auf Vernetzungsbestrebungen. In den Interviews werden die Netzwerkdaten durch Hintergrundinformationen aus der Binnenperspektive ergänzt. Zugleich bietet dieses triangulative Vorgehen (Flick 2010) die Grundlage für eine bessere Interpretation und Validierung der Netzwerkdaten.