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Formen der buddho-konfuzianischen Interaktion im vormodernen Korea

Die erste Phase des Projektes ist einer Fallstudie unter dem Arbeitstitel "Erfahrene oder gezwungene coincidentia oppositorum? Hybride Ansätze im frühen neuzeitlichen Korea am Beispiel des Buddho-Konfuzianers Kim Sisŭp (1435-1493)". Auf Basis einer Übersetzung der relevanten Abschnitte des Chodong o wi yohae 曹洞五位要解 ("Wesentliche Erklärungen zu den ‚Fünf Rängen‘ [des Hauses] TÂ’sao-Tung") und einiger seiner konfuzianischen Schriften, sollen Sŏlchams / Kim Sisŭps (obgleich eher als konfuzianischer Literat bekannt, lebte Kim einen Großteil seines Lebens als Mönch) intrikate Aushandlungen buddhistischen und konfuzianischen Denkens untersucht werden. Mit Fokus auf Sŏlchams Gleichsetzung der "Fünf Ränge", einer von Ch‘an-Buddhisten der T‘ang-Dynastie ersonnenen dialektischen Formel mit dem "TÂ’ai-chi tÂ’u" 太極圖 ("Diagramm des Höchsten Äußersten") des Chou Tun-i 周惇頤, werden dabei zunächst Sŏlchams literarische Strategien untersucht werden. Diese zielen weniger auf eine Aufhebung von Buddhismus und Konfuzianismus in einem gemeinsamen Fluchtpunkt (wie im Falle von Kihwa) zielen, sondern dürften besser als Versuch der Hybridisierung im Sinne der vollständigen gegenseitigen Durchdringung verschiedener Identitäten und Wahrnehmungsmodi aus unterschiedlichen Kontexten zu beschreiben sein. Nachfolgend sind Kim Sisŭps Deutungen einer genauen Untersuchung hinsichtlich ihrer Konformität mit traditionellen Auffassungen der "Fünf Ränge" und insbesondere der neo-konfuzianischen Ideen von Chu Hsi zu unterziehen. Die Leitfrage wird dabei sein: Basiert der Text tatsächlich auf natürlichen Gleichsetzungen (dies zöge eine Neuinterpretation auch des intellektuellen Milieus seiner Zeit nach sich), oder handelt es sich nur um eine willkürliche Verfälschung von Chu HsiÂ’s Werken in apologetischem Kontext? Schließlich soll der Text im Rückgriff auf weitere biographische und historiographische Informationen innerhalb einer detaillierten Darstellung buddho-konfuzianischer Interaktion im 14. und 15. Jh. verortet werden. Die Ergebnisse dieser Kontextualisierung und die in der ersten Phase erarbeiteten systematischen Erkenntnisse werden als Grundsteine für die zweite Projektphase dienen: Indem der Zeitrahmen ausgedehnt wird, sollen die Verläufe wesentlicher Entwicklungen in den Beziehungen zwischen Buddhisten und Konfuzianer von der offiziellen Einführung des Buddhismus 4. bis ins 18. Jahrhundert, als die letzten Versuche der Wiedereinführung des Buddhismus bei Hofe erfolgten und der zunehmende Einfluss der "Westlichen Lehren” die Gesamtlage signifikant änderte, in einer Überblicksdarstellung nachgezeichnet werden. Um eine Basis für diesen Überblick zu schaffen, sind im Rückgriff auf sinologische Sekundärliteratur zunächst die wichtigsten Entwicklungen in den Interaktionen zwischen Buddhisten und Konfuzianern in den chinesischen Staatswesen nachzuvollziehen. Vor diesem Hintergrund sollen darauf die Muster der Interaktion auf der koreanischen Halbinsel als solcher in ihrer historischen Entwicklung betrachtet und zu ihrem politischen, sozialen und Religiösen Umfeld (sowohl auf der nationalen als auch der internationalen Ebene) in Bezug gesetzt werden. Die im Verlauf der historischen se identifizierten Modi der Interaktion werden am Ende wiederum einer systematischen Diskussion zu unterziehen sein.

 

In diachroner Perspektive besteht das Ziel darin, eine umfassende Geschichte der buddho-konfuzianischen Interaktionen im vormodernen Korea vorzulegen, die einerseits die sozialen und intellektuellen Entwicklungen, die den jeweiligen Modi der Interaktion zu Grunde liegen, und andererseits auch die Rückwirkungen dieser Modi auf die sich bildenden ideologisch-religiösen Fraktionen angemessen berücksichtigt. In systematischer Perspektive ist es das Ziel, zur theoretischen Basis einer Typologie wiederkehrender Modi der Interaktion mit anderen religiösen Systemen beizutragen. Diese Modi reichen von a) der Koexistenz in osmotischer "Arbeitsteilung" über b) polemische Konfrontation vor dem Hintergrund der Identitätsbildung durch Abgrenzung, c) vollkommene Assimilation zu einer dominierenden Ideologie, d) apologetischen Versuchen der Versöhnung in einem gemeinsamen Fluchtpunkt bis hin zu e) synkretistischen Rekonstruktionen und f) genuin hybriden Interpretationen.

Beteiligte Personen