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Evangelische Pfarrer und religiöse Sozialisation. Institutionalisierte Religion und Säkularisierung in der Bundesrepublik aus sozialgeschichtlicher Perspektive (1950er-1970er Jahre)

Das Projekt zielte auf eine Analyse protestantischer Pfarrer in der Bundesrepublik als Instanzen der religiösen Sozialisation. Im Mittelpunkt des Projekts standen zwei Problemkomplexe – Sozialisation von verschiedenen Pfarrergenerationen einerseits und deren sozialisatorische Wirkung im historischen Verlauf andererseits. Dabei wurden Reaktionsmuster der Pfarrer auf den Verlust ihrer dominierenden Stellung bei der religiösen Sozialisation im Zusammenhang mit Säkularisierungsprozessen und sozialem Wandel herausgearbeitet. Methodisch versteht sich das Projekt als ein Beitrag zur historischen Sozialisationsforschung.

Die Analyse hat u. a. ergeben, dass das Sozialprofil der Pfarrerschaft nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1960er Jahre relativ stabil war: Die Pfarrer rekrutierten sich hauptsächlich aus den Mittelschichten, vor allem aus Angestellten- und Beamtenfamilien. Das Sozialprofil der Pfarrer und seine Entwicklung bildeten allerdings nur einen Teil ihres Sozialisationshintergrunds. Zur Erklärung und Interpretation ihrer spezifischen mentalen und Verhaltensdispositionen erscheint es noch nicht ausreichend, denn zu deren Herausbildung trugen auch gesamtgesellschaftliche und religiös-kirchliche Bedingungen der Pfarrersozialisation bei. Als eine relevante soziale Gruppe nahm die Pfarrerschaft an Sozialisationskrisen des 20. Jahrhunderts teil.

Im Laufe der ersten drei Nachkriegsjahrzehnte haben sich auch die Formen und Inhalte der sozialisatorischen Maßnahmen der Kirche gewandelt. Die „Gottesdienste in neuer Gestalt“ ab den 1960er Jahren suchten mit ihren nichttraditionellen Konzepten neue Zielgruppen anzusprechen, neue Formen der Gemeindearbeit, etwa in Neubaugebieten oder Arbeitersiedlungen, entwickelten sich in Richtung Gemeinwesen- und Sozialarbeit. Dieser Wandel lässt sich als eine Reaktionsform der kirchlichen Organisation und der Pfarrerschaft auf den Rückgang ihrer sozialisatorischen Wirkung interpretieren.