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Die Funktionen der Reinheitskategorie als Selbst- und Fremdzuschreibung in den christlich-islamischen Beziehungen des Mittelalters

Das vorliegende Projekt wird zentrale Bedingungen und Parameter des oben skizzierten Transformationsprozesses einer detaillierten Analyse unterziehen. Bereits bei einer kursorischen Lektüre der Quellentexte fällt auf, dass immer wieder und in unterschiedlichen Zusammenhängen auf ein bestimmtes Themenfeld Bezug genommen wird: die Frage von Reinheit bzw. Unreinheit als einer Personen, Orten und Handlungen zugeschriebenen Qualität. Etwa seit der Jahrtausendwende lässt sich im Rahmen der kirchlichen Reformbestrebungen eine Aufwertung der Konzeption der Reinheit erkennen, die als intra-religiöse Ordnungskategorie des Verhältnisses von Gott, Mensch und Welt über den engeren Zusammenhang von Liturgie und Kult hinaus zu wachsender sozialer Relevanz gelangte. Im innerkirchlichen Bereich sei diesbezüglich neben den allgemeinen Streitpunkten der Kirchenreform auf das Beispiel der Zisterzienser verwiesen, die sich mit ihrer Betonung der puritas in der Benediktsregel um eine Rückkehr zur vermeintlichen "Reinheit" autoritativer Texte und einer vorbildhaften Lebensführung bemühten. Darüber hinaus ist es die Bedeutung der Reinheitsfrage in den religiösen Gegenentwürfen dieser Zeit - z. B. dem Katharismus - die als Gradmesser für ein entsprechendes Problembewusstsein nicht nur im Kreis religiöser Experten dienen kann. Obwohl die historische Forschung der letzten Jahrzehnte jene Entwicklungen vermehrt registriert hat, bleibt ihre Betrachtung meist summarisch, wird die Frage nach den Zusammenhängen beantwortet, ohne sie jemals gestellt zu haben. Genau hier setzt das vorliegende Projekt an: Auf der Grundlage einer Sichtung der für die Oberthemen Kirchenreform, Gottesfriedensbewegung und Kreuzzüge relevanten Quellentexte aus der Zeit des frühen 11. bis späten 12. Jahrhunderts soll die Relevanz der Reinheitsfrage untersucht und dabei Verbindungen zwischen den verschiedenen Argumentationszusammenhängen herausgearbeitet werden. Neben den Berichten der Kreuzzugschronisten, den Kreuzzugsaufrufen sowie hagiographischen Texten sollen insbesondere die weniger bearbeiteten Zeugnisse des Iberischen Raums, welche die kriegerischen Konflikte der Reconquista thematisieren, im Zentrum der Überlegungen stehen.

 

Die Forschung zum Islambild des Mittelalters hat eine lange Tradition, die aufgrund der aktuellen weltpolitischen Lage eine zusätzliche Belebung erfahren hat. Nach grundlegenden Überblicksdarstellungen (u. a. von D'Alverny, Southern, Daniels) haben neure Einzelstudien gerade für den iberischen Raum das Bild deutlich geschärft (Tolan, Burman). Hier setzt das vorliegende Projekt an, doch möchte es die bisherigen Forschungsansätze in mehrfacher Hinsicht erweitern: Erstens, indem es nach der Relevanz der Reinheit für Christentum und Islam in gegenseitiger Abgrenzung und Adaption fragt. Die Bedeutung vorgeworfener bzw. tatsächlicher Verunreinigungen ist bis heute nur ansatzweise an Beispielen aus der Kreuzzugschronistik (Cole), nicht aber monographisch bearbeitet worden. Zweitens soll der Zusammenhang des Unreinheitsvorwurfs zur Entwicklung des religiösen Traditionsgeflecht "Christentum" untersucht werden: Hier sollen gleichermaßen die Folgen innerchristlicher Entwicklungen wie mögliche Prozesse eines Religionstransfers, die sich aus der Abgrenzung vom Anderen speisen, berücksichtigt werden. Drittens sollen bislang wenig rezipierte Textgattungen erschlossen und in Hinblick auf ihre Relevanz für das Thema untersucht werden: Hat sich die Forschung bislang weitgehend auf die Auswertung theoretischer Schriften konzentriert, so sollen hier verstärkt Texte aus dem Bereich der Historiographie, der volkssprachigen Epik sowie hagiographische Texte herangezogen werden. Durch die Erweiterung des Untersuchungsgegenstandes von vermeintlich historisch-realen auf fiktive Verunreinigungen wird eine methodische Konzentration auf kulturanthropologische, religionswissenschaftliche und wahrnehmungsgeschichtliche Fragen möglich.