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Transformation der diakonisch-caritativen Handlungsformen der Konfessionen im Spannungsfeld von Wertorientierung und sozialer Dienstleistung

Das zweite Teilprojekt des Forschungsbereiches "Transformation der Sozialformen religiösen Handelns" befasst sich mit den Transformationen der diakonisch/caritativen Handlungsformen beider Konfessionen im Spannungsfeld von Wertorientierung und sozialer Dienstleistung. In welchem Maße die dort zu beobachtenden Umbrüche mit den veränderten Außen- und Selbstdefinitionen sowie den organisatorischen Wandlungsprozessen der Konfessionen zusammenhängen, soll in Vergleichen zwischen den Projekten dieses Forschungsbereichs gesondert analysiert werden.

Wenn der Komplex der "Sozialformen" der Konfessionen zu Beginn des Untersuchungszeitraums durch das zugleich dezentrale und verflochtene Gefüge von Amtskirche und Selbstorganisation charakterisiert war (bei den Katholiken noch intensiver als bei den Protestanten), so ist ein markantes und neuartiges Kennzeichen der Transformationsprozesse der Ausbau zentralisierter diakonisch-caritativer Dienstleistungssysteme, wobei die kirchlichen Akteure die staatliche Gesetzgebung nachhaltig beeinflussten und sich gleichzeitig an ihr orientierten. Diese Entwicklungen verdeutlichen, dass die Formel einer bloßen Erosion der Milieus und einer Privatisierung von Religion den Transformationsprozess der letzten Jahrzehnte nicht hinreichend zu erfassen vermag. Nachfrage und Erwartungshaltung der Bevölkerung nach sozial-religiös-kulturellen Dienstleistungen der Religionsgemeinschaften sind unverändert hoch, ja, stellen gegenwärtig, folgt man demoskopischen Erhebungen, den harten Kern der Erwartungen gegenüber den großen Religionsgemeinschaften überhaupt dar (vgl. u. a. Mitgliedschaftsstudien der EKD 1972 ff.; Allensbach 1995, Gabriel 1997). Ob Krankenhäuser, Altenbetreuung, Jugendheime oder Schulen in kirchlicher Trägerschaft: Religiöse Trägerschaft dieser Dienstleistungen gilt als Qualitätsmerkmal, selbst wenn sich dazu objektive Kriterien kaum ausmachen lassen. Der Ausbau dieser Systeme ist ein wichtiges Untersuchungsfeld des Projektes, zumal sich vergleichbare Phänomene international – in Belgien, USA, Frankreich oder Großbritannien – in ganz unterschiedlichen Kontexten feststellen lassen, obwohl die Rolle von Diakonie und Caritas als subsidiäre Träger des deutschen Sozialstaates eine nationale Besonderheit bezeichnet.

Der bedeutende quantitative wie qualitative Ausbau dieser Systeme fällt in den chronologischen Kernbereich unserer Forschergruppe, die 1960er und 1970er Jahre. Diakonie und Caritas sind dabei einerseits von den gesellschaftlichen Trends einer zunehmenden Professionalisierung und Verwissenschaftlichung des sozialen Handelns beeinflusst, wie sie andererseits diese Prozesse – vermittelt vor allem durch die Gründung entsprechender konfessioneller Fachhochschulen – maßgeblich beeinflussen und prägen.

Im Teilprojekt "Transformation der diakonisch-caritativen Handlungsformen" wird der enorme quantitative wie qualitative Ausbau der kirchlichen Arbeitszweige sozialen Hilfehandelns thematisiert. Im Einzelnen sind hier die seit dem Ende der 1950er Jahre zu beobachtenden Auseinandersetzungen um das sich wandelnde Selbstverständnis diakonisch-kirchlichen Handelns, die unterschiedlich erfolgreiche Beeinflussung der sozialstaatlichen Rahmenordnung sowie die grundlegenden Prozesse der Verwissenschaftlichung und Professionalisierung sozialen Hilfehandelns im kirchlichen Kontext aufzuarbeiten. Dabei ist insbesondere die wachsende Spannung zwischen dem Selbstverständnis der kirchlich-diakonischen Dienstgeber und der Mitarbeitenden zu rekonstruieren. Im Blick auf die Fragestellung des Gesamtprojekts ist zu untersuchen, wie sich veränderte religiöse Sozialisationsprozesse mit der Tendenz einer Privatisierung von Religion auf die Mitarbeit in kirchlichen Einrichtungen auswirken. Ferner ist im Blick auf diese besonders stark wachsende Handlungsform der Konfessionen in grundsätzlicher Weise zu fragen, ob es sich hier eher um die Übernahme einer nicht genuin religiösen Funktion handelt, die als "interne Säkularisierung" (Herberg) bzw. aus einer Binnensicht als "Selbst-Säkularisierung" (Huber) zu bezeichnen ist, oder um Beispiele der spezifischen Prägekräfte der Konfessionen im Blick auf soziales Handeln.

Diese Hinweise verdeutlichen, dass dieses Teilprojekt eng mit den anderen Forschungsbereichen verknüpft ist. Veränderte religiöse Sozialisationsbedingungen, nicht zuletzt bei den kirchlichen Stelleninhabern selbst, sind auf ihre Konsequenzen hin für das Selbstverständnis und die Arbeitsstrukturen der kirchlichen Organisationen zu untersuchen. Die angesprochenen Wandlungen des Selbstverständnisses von Diakonie und Caritas, wie sie exemplarisch in der Leitsemantik des "Dienstes" zum Ausdruck kommt, eröffnen Vergleichsperspektiven zum Forschungsbereich der religiösen Semantik.

Das Teilprojekt soll — nicht zuletzt durch die konsequent interkonfessionelle Ausrichtung — eine grundlegende Darstellung der Strukturen und der Semantiken der diakonisch-caritativen Handlungsformen im Übergang von den 1950 zu den 1970er Jahren ermöglichen.