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Modes and Models of Religious Attraction

Konferenz

Ort: Musisches Zentrum, RUB / „Situation Kunst“, Bochum-Weitmar

Flyer, Poster

Tagungsbericht der Jahrestagung “Modes and Models of Religious Attraction” des Käte Hamburger Kollegs “Dynamiken der Religionsgeschichte zwischen Asien und Europa”, 15. – 18. November 2010 

Im Mittelpunkt der Jahrestagung 2010 des Käte Hamburger Kollegs „Dynamiken der Religionsgeschichte zwischen Asien und Europa“ stand der traditionsreiche und in Physik, Soziologie und Medientheorie erprobte Begriff der „Attraktion“ resp. des „Attraktors“ und seiner Derivate. Unter dem Titel “Modes and Models of Religious Attraction” wurden unterschiedliche Aspekte religiöser „Attraktion“ im Hinblick auf die Dimensionen „Materialität“ und „Erfahrung“, diskutiert. „Attraktion“ sollte in diesem Zusammenhang nicht als psychologische Kategorie oder als Identitätsfaktor innerhalb einer Subjekt-Objekt-Dialektik, vielmehr als ein spezifisch dynamisches Moment im Kontext religiöser Abgrenzung und Repulsion exponiert werden. Das Interesse konzentrierte sich somit weniger auf personell bestimmbare Charismatiker oder auf eine diffuse Agency als Ausgangspunkt noch auf ihre Anhängerschaft als identifizierbare Empfänger attraktiver Botschaften, sondern auf die religiöse Eigendynamik dieser fortgesetzten Austauschprozesse, die Bildung, Verdichtung und Auflösung religiöser Traditionsgeflechte maßgeblich bestimmen. Thematisiert wurden insbesondere die Wechselwirkungen, die zur Entstehung religiös effizienter Materie und damit zur Bildung von Attraktoren führen, des weiteren religiöse Interaktionen, aus denen unterschiedliche Auratisierungen von Körpern oder Gegenständen emergieren. Dazu gehören religiös codierte Elemente, die aufgrund von Kräfteverschiebungen innerhalb des religiösen Feldes Attraktivität gewinnen oder verlieren, ihr Charisma synchron auf andere Elemente übertragen (etwa das heilige Öl auf ein dadurch geheiligtes Kultbild) oder diachron restituieren können (etwa durch Umdeutung und Einverleibung vormaliger Kultstätten). Besonders aufschlußreich erschien in diesem Zusammenhang die Wirkungsweise jener Medien, die religiöse Attraktionsschübe nicht nur begleiten, sondern auch deren Richtung und Effizienz mitbestimmen und innerhalb der inter- und intrareligiösen Kommunikationsprozesse als Transformatoren oder Generatoren fungieren können. Darüber hinaus wurden die spezifischen Bedingungen und Möglichkeiten spiritueller Attraktion präzisiert, die als individuelle Transzendenzerfahrung wahrgenommen und vermittelt wird, so etwa die Suggestionskraft alternativer Heilsangebote in religiösen Konkurrenzsituationen oder die Anziehungskräfte, die sich in den diversen Erscheinungsformen von Mystik resp. mystischer Erfahrung manifestieren können. Deutlich zeichnete sich ab, daß die verschiedenen Effekte sprachlicher, visueller, klanglicher, performativer Medien und ihre jeweilige religiöse Codierung für die Dynamik des religiösen Feldes eine prominente Rolle spielen.

 

In der ersten Sektion The Conceptualisation of Aura, Charisma and Transcendence wurde unter Leitung von Gesche Linde (Frankfurt a.M., Deutschland) das terminologische und konzeptionelle Umfeld von religiöser Attraktion und Repulsion, insbesondere im Hinblick auf ihren materialen und medialen Kontext, erkundet. Im Zentrum stand die Frage, inwieweit Bestimmungen von Aura, Charisma und Transzendenz zu einer theoretischen Klärung vor allem der relationalen Aspekte von intra- und interreligiöser Dynamik beitragen können.

Einleitend betonte Martin Treml (Berlin, Deutschland) in seinem Beitrag Sacrifice, Martyrdom and the ‚Nachleben’ of Religion die auf die religiöse Praxis vor- und zurückgreifende Dimension des Ästhetischen, die sich auch und gerade in dem „Nachleben“ religiöser Aura in der säkularen Aura des Kunstwerks manifestiert. Von besonderer Signifikanz für die Religionsdynamik erscheinen die von Aby Warburg mit dem Begriff „Pathosformeln“ umschriebenen Kulturtechniken, die religiöse Erfahrung verdichten, durch Gestaltung verarbeiten und dadurch ihre Überlieferung und womöglich Wiederverwertung in anderen religiösen oder säkularen Kontexten ermöglichen. Nachdrücklich hingewiesen wurde auf die Bedeutung der immer noch unzureichend aufgearbeiteten Ansätze aus der frühen Phase der Warburg-Schule für die Religionsforschung insgesamt und namentlich für das Konzept einer relationalen Religionsforschung.

Bekanntlich hat sich der Begriff des „Nachlebens“ als außerordentlich fruchtbar für die diachrone Betrachtung der antiken Kunstgeschichte erwiesen, und zwar nicht allein im Hinblick auf ihre mehrfachen “Renaissancen” unter christlichen und späterhin säkularen Vorzeichen, sondern auch – wie der Vortrag von Ioannis Mylonopoulos (New York, USA) The Beauty of Simple Things: Simplicity and the Visual Construction of the Divine in Ancient Greece verdeutlichte – für die griechischen Kulttradition selbst. Ausgehend von der markanten These – „Im Anfang war das Bild“ – wurden anhand anikonischer Bildwerke der Frühzeit, Kolossalstatuen, „klassischen“ Vermenschlichungen der Götterbilder und experimentellen und historisierenden Tendenzen des Hellenismus unterschiedliche Strategien religiöser Attraktion durch visuelle Konstruktion des Göttlichen beschrieben. Besonders aufschlußreich erschien in diesem Zusammenhang die von Mylonopoulos herausgearbeitete Dichotomie zwischen zwei unterschiedlich ausgerichteten charismatischen Wechselwirkungen: einer kommunikativen Dynamik, die sich aus unmittelbar sinnlichen Attraktionsmomenten (durch schöne Gestaltung des menschlichen Körpers) oder aus dezidiert einfachen, archaisierenden (und damit Dignität suggerierenden) Gestaltungen konstituiert.

Im Anschluß daran unternahm Knut Martin Stünkel (Bochum, Deutschland) mit seinem Vortrag Aura as Propensity. Towards a Non-Intentionalistic Description of Attraction den vielversprechenden Versuch, das Konzept der religiösen Attraktion über eine Engführung von Benjamins Theorie der Aura und Poppers „propensity“-Begriff zu konkretisieren, um in einem weiteren Schritt beide Ansätze mit Bruno Latours Entwurf der hybriden Netzwerke zu verknüpfen. Der Vorteil dieser zunächst überraschenden Konstellation liegt vor allem darin, Attraktionsphänomene in ihrer spezifischen Dynamik zwischen Annäherung und Distanzierung erfassen zu können. Religiöse Attraktivität wäre somit nicht als Zustand resp. Eigenschaft eines auratischen Kultobjekts bestimmbar, sondern als ein fortgesetztes „unfolding“, dessen Kondensationen weder vorhersagbar noch kontrollierbar erscheinen, sich also auch nicht durch die Intentionen der daran beteiligten Subjekte oder Kollektiva erklären lassen. Aura, Charismatik und religiöse Materie stehen somit nicht in einem kausalen, sondern in einem relationalen Verhältnis, das sich aus einer Abfolge von Attraktions- und Repulsionsprozessen ergibt.

In der allgemeinen Diskussion wurde noch einmal hervorgehoben, daß hinsichtlich der kommunikativen Dynamik zwischen Götterstatuen und der sie verehrenden Kultgemeinschaft gerade unter relationalen Gesichtspunkten eine eindeutige Trennung von Kult- und Kunstobjekt kaum denkbar sei. Zu berücksichtigen sei im übrigen auch die Relevanz der Deskription resp. Textualisierung oder auch der Visualisierung, mithin der Übersetzung in ein anderes Medium als Moment der Selbstreflexion und Selbstvergewisserung von religiöser Aura.

Anknüpfend an die einleitenden Überlegungen zur terminologischen Klärung zielte die von Arie L. Molendijk (Groningen, Niederlande) geleitete zweite Sektion Creating Typologies for Charisma and Transcendental Experience darauf ab, die unterschiedlichen Kräftefelder, in denen Aura, Charisma Transzendenz und transzendentale Erfahrung konkretisiert werden können, genauer zu differenzieren. Dabei ging es auch um die Frage, welche Bedeutung der medialen Übersetzung und Kommunikation religiöser Erfahrung in einer Typologie von religiösen und nicht-religiösen Attraktoren zukäme. Dimitri Drettas (Erlangen, Deutschland) demonstrierte in seinem Beitrag über Dream Divination and Dream Exorcism in Chinese Household Encyclopedias die Bedeutung der Mantik am Beispiel prognostischer Techniken in China und zeigte dabei, wie Traumdeutung und apotropäische Mittel, die als Schutzbringer im Daoismus eine lange Tradition besitzen, konvergieren können. Der Traum wird in diesem Zusammenhang als eine vielfältige Interaktion unterschiedlicher Geist-Wesen, Ahnen, Gottheiten, Dämonen verstanden, die mit dem Träumenden vorübergehend in einen spannungsreichen Dialog treten, der sich später im Prozeß der Traumdeutung fortsetzt. Erfahrung von Transzendenz und Reflexion der Transzendenz, wie sie sich in den entsprechenden Traumbüchern manifestieren, erscheinen dabei als komplementäre Attraktionsmomente, welche die Dynamik von Charisma und Transzendenzerfahrung sowohl ausgleichen als auch steigern können.

Der Beitrag von Naomi-Feuchtwanger-Sarig (Tel Aviv, Israel) Between Mundane, Sanctified and Holy: Re-Defining Jewish Ritual and Ceremonial Objects setzte die Diskussion um eine Differenzierung und ggf. Typologisierung von Aura und Charismatik mit einer Reihe anschaulicher Beispiele aus der jüdischen Tradition fort, die - von Dura Europos bis zur Gegenwart reichend - unterschiedliche Umgangsformen mit auratischen Gegenständen resp. verschiedenen Reinheitsgeboten und –verfahren zur Sicherung des Kultstatus erkennen ließen. Während die Referentin auf der einen Seite verdeutlichte, wie überlieferte Vorschriften etwa bei der Herstellung und Beschriftung von Tora-Rollen nach wie vor minutiös beachtet werden, konstatierte sie andererseits, daß zeremonielle Gegenstände aus jüdischer Sicht gar nicht wirklich profaniert werden können, da ihr Status letztlich vom göttlichen Wort bestimmt ist und somit ihre materialen Aspekte wie auch ihre eventuellen Gefährdungen von zweitrangiger Bedeutung sind. Besonderes Interesse im Hinblick auf interreligiöse Kontakt- und Konfliktsphären verdienten einige bemerkenswerte Fälle von Konvertierungen jüdischer Kultgegenstände, die – leider unter unaufgeklärten Umständen – in der christlichen Liturgie Verwendung gefunden hatten.

Reale oder virtuelle interreligiöse Konvertierungen wurden auch in dem anschließenden Beitrag von Sven Bretfeld (Bochum, Deutschland) thematisiert. Unter dem Titel Materiality of Religion and the Aesthetic Dimensions of Orientalism widmete sich der Referent zwei prominenten Beispielen von religiös aufgeladenem Orientalismus aus dem 19. Jahrhundert: ausgehend von einer präzisen Beschreibung des Arbeitszimmers Arthur Schopenhauers und der signifikanten Plazierung einer Buddha-Statue wurden zunächst die oszillierenden Anziehungs- und Abstoßungskräfte der zu dieser Zeit noch wenig bekannten östlichen Religionen auf den atheistischen Philosophen und seine theologischen Gegenspieler thematisiert und anschließend konfrontiert mit der ein halbes Jahrhundert späteren und unter esoterischen Vorzeichen erfolgenden Annäherung an den Buddhismus des US-amerikanischen Rechtsanwalts, Journalisten und ersten Präsidenten der „Theosophical Society“, Henry Steel Olcott, der nach seiner Konvertierung einen in der intrareligiösen Rezeption keineswegs unumstrittenen buddhistischen Katechismus nach okzidentalen Kriterien verfaßte. In beiden Fällen ist das komplementäre – und in sich durchaus widersprüchliche – Verhältnis von Transzendenzerfahrung und transzendentaler Reflexion ein konstitutives Moment interreligiöser Attraktion.

In der allgemeinen Diskussion der Sektionsbeiträge wurde noch einmal die Notwendigkeit betont, bei einer typologischen Unterscheidung weniger von den auratisierten Gegenständen oder den davon betroffenen Personen auszugehen, sondern eher die Prozesse der Zuschreibung, die Kommunikationsformen und die dabei involvierten Medien in den Vordergrund zu stellen.

 

Unter der Leitung von Marion Steinicke (Bochum, Deutschland) befaßte sich die dritte Sektion Re-Constructing Auratic Material mit Prozessen religiöser Aufladung, Umdeutung, Neubewertung sowie der Wiedergewinnung von Kultobjekten und –stätten; Fragen nach den spezifischen Prozessen, die zur Unterscheidung von religiöser und profaner Materie führen, sowie nach den besonderen Attraktionsmomenten religiös aufgeladener Materie standen im Vordergrund. Eingeleitet wurde die Sektion durch ein Referat von Carmen Meinert (Essen/ Bochum, Deutschland) Striving for Perfection in Central Asian Buddhism: Non-Conceptionality in Medieval Daoism über die für den Buddhismus und dessen intrareligiöse Auseinandersetzungen ehemals prominente Kultstätte Dunhuang an der Seidenstraße, deren Bedeutung sich in einer für die medialen Aspekte religiöser Attraktion besonders interessanten architektonischen und bildkünstlerischen Gestaltung sowie in einer überaus reichhaltigen Textproduktion manifestiert. Die Aufmerksamkeit der Referentin konzentrierte sich auf die in den Handschriften immer wieder thematisierte Vorstellung der „non-conceptionality“ als soteriologisch entscheidendem Erfahrungsbegriff des Buddhismus, der einerseits (in Richtung Tibet) eine bemerkenswerte Anziehungskraft ausgeübt, andererseits (in Richtung China) mit bemerkenswerter Indifferenz aufgenommen worden ist. Gerade vor diesem – nicht zuletzt auch politisch brisanten - Hintergrund erscheint Dunhuang als ein signifikantes Beispiel für das Zusammenspiel unterschiedlicher Attraktoren, die Genese, Verdichtung und Auflösung eines religiösen Gravitationszentrums bedingen, ohne dabei – unbeschadet der verschiedenartigen sekundären Rezeptionsweisen (Interventionen, Restriktionen oder Kontrollversuche) – primäre intentionale Steuerungen oder Ordnungsstrukturen erkennen zu lassen.

Im Anschluß daran betonte Livia Kohn (Boston, USA) in ihrem Beitrag Embodied Transcendence: Energetic and Physical Cultivation in Medieval Daoism anhand einer ausführlichen Diskussion des daoistischen Konzepts von Körperlichkeit, daß die „okzidentalen Begriffe“ von Spiritualität und Materialität, von Immanenz und Transzendenz (ungeachtet ihrer vielfachen Differenzierung gerade im Kontext religiöser und philosophischer Auseinandersetzung) im Hinblick auf den Daoismus immer wieder kontrovers diskutiert worden sind. Obwohl die Terminologie problematisch erscheint, lassen sich auch im chinesischen Kontext Spuren von „notions of Western-style transcendence“ finden, namentlich in der Gestalt des Dao als jenseitiger Schöpfergottheit. In der „mittelalterlichen daoistischen Kultur“ werden diese unterschiedlichen Dimensionen durch das Medium des Körpers aktiviert. Der menschliche Körper als Spiegelbild des Kosmos kann infolgedessen als eine sakrale Topographie verstanden werden, innerhalb deren sich Immanenz und Transzendenz prozessual ergänzen und somit die menschliche Physis selbst in ein primäres Kräftefeld unterschiedlicher religiöser Attraktions- und Repulsionsmomente verwandeln.

In dem folgenden Beitrag Recreating an Ancient Attraction: The Buddha’s Cave and the Sixteen Pilgrimage Sites in Sri Lanka beschrieb Kevin Trainor (Burlington, USA) an einem konkreten Fallbeispiel die Restituierung verlorener, vergessener oder aufgegebener buddhistischer Heiligtümer auf Sri Lanka und die damit verbundenen Wiederbelebungsversuche vergangener Pilgerstätten. Der Referent analysierte eine Reihe von Legitimationsstrategien, welche die konkrete Topographie des wiederhergestellten Wallfahrtnetzes und dessen religiöse Attraktivität zugleich begründen und steigern sollten. Dazu gehören die auf unterschiedliche Weise überlieferten und medial kommunizierten übernatürlichen Erscheinungen, welche einen bestimmten Kultort bezeichnen, die entsprechende Legendenliteratur, die davon berichtet, und ebenso die nicht von Menschenhand geschaffenen und einer bestimmten Kultstätte zugehörigen religiösen Bilder. Die Aufstellung von Reproduktionen solcher archaischen oder auch nur archaisierenden Bildwerke konnte auch dazu dienen, die jeweilige Lokation einer restituierten Heilsstätte zu autorisieren.

Im Unterschied dazu untersuchte Paolo Aranha (Florenz, Italien) Making Attractive what is Already Attractive: Roman Catholicism in Early Modern South India, Between Missionary Accommodation and Grassroot Syncretism verschiedene christliche Missionsstrategien im Bereich des indischen Subkontinents, namentlich in Goa. Die hier unter maßgeblicher Beteiligung der Inquisition betriebene Missionstätigkeit der Römischen Kirche zeichnet sich durch drei divergierende und gerade dadurch effiziente Tendenzen aus, die der Referent unter die Begriffe „repression“ (Unterdrückung existierender Kulthandlungen und Zerstörung von Kultstätten), „adaption“ (Übernahme nicht-christlicher religiöser Bräuche, Verehrungsformen oder Feste in die christliche Kultpraxis) und „attraction“ (spezifische Abstimmung der christlichen Kultpraxis auf indigene Traditionen) subsumiert. Von besonderer Relevanz ist in diesem Zusammenhang das Prinzip der „Akkommodation“, das sich in der Indienmission – und dabei abweichend von Missionsbestrebungen in anderen Weltteilen – als wesentliches Attraktionsmoment erweist. So werden innerhalb der neuen Christengemeinschaften auch gegenläufige ethische Konzepte – wie beispielsweise das Kastensystem – ebenso toleriert wie das Fortbestehen archaischer Kulthandlungen oder ihre diskrete Integration durch interreligiöse Umdeutung resp. Konvertierung in den christlichen Gottesdienst. Zudem wird die Partizipation von Nicht-Christen an christlichen Prozessionen gestattet und generell die Zugehörigkeit zur Kultgemeinschaft nicht durch ein rigides Inklusion-Exklusion-Verfahren festgelegt.

Mit ihrem Referat Creating Transcendental Feelings: Fantasies of the Milky Way in the Contemporary Japanese Organization World Mate lenkte Inken Prohl zum Abschluß der Sektion den Blick auf die unterschiedlichen Bedingungen, Voraussetzungen und Spezifika von „World Mate“, einer Variante neuer Religiosität in der heutigen japanischen Gesellschaft, deren „transcultural events“ wichtige Fragen zu den Randbereichen und Schnittmengen von religiösen und säkularen Attraktionen aufwerfen könnten. Unter der Prämisse, daß im Bereich der materialen Religionsforschung ästhetische Aspekte ausgeschlossen bleiben sollten, konzentrierte sich das Referat auf die Doppelfrage „How people are bound?“, und „How people react?“ Zur Beantwortung wurden zahlreiche Beispiele von Kultobjekten präsentiert, die vom Standpunkt westlicher Kulturkritik der Warenästhetik zuzuordnen wären und die die Referentin selbst mit dem Begriff „Walt-Disney-Style“ belegte. Folgerichtig wurde auch die „customer-orientation“ dieser Kultgemeinschaft betont, die bei dem Versuch, weitere Mitglieder zu akquirieren, offenkundig auf erprobte Werbestrategien zurückgreift.

Der Vortag bot in mehrfacher Hinsicht Anlaß zu terminologischer Selbstreflexion. So wurde in der abschließenden Sektionsdiskussion einerseits die Schwierigkeit angesprochen, „religiöse Gefühle“ oder „religiöse Erfahrung“ ohne soziale oder kulturelle Kontextualisierung zu definieren, andererseits die Notwendigkeit betont, gerade unter relationalen Gesichtspunkten die Begriffe „transzendent“ und „transzendental“ von einander abzuheben.

 

Thema der von Heinz Georg Held (Pavia, Italien) geleiteten vierten und letzten Sektion Inter- and Intra-Religious Dynamics of Transcendental Experience waren die Attraktions- und Repulsionsprozesse, die einerseits das Faszinosum der Transzendenz bedingen und andererseits die diskursive Reflexion und mediale Verbreitung transzendentaler Erfahrung motivieren. Primär standen Fragen nach der besonderen Rolle einzelner Medien sowie nach der Eigendynamik religiös bestimmter Kommunikation resp. nach deren Bedeutung für die Turbulenzen und Emergenzen des religiösen Feldes zur Diskussion. Zu Beginn beschrieb Christophe Nihan (Lausanne, Schweiz) unter dem Titel Qumran and the Dynamics of Religious Attraction in the 2nd Temple Period den intrareligiösen Konflikt zwischen „Tora“ und „Tempel“, der - scheinbar paradox – in wechselseitiger, auch sozial codierter Ab- und Ausgrenzung zu einer zunehmenden Auratisierung beider Institutionen und darüber hinaus zur Etablierung einer Reihe auch politisch folgenreicher in-group-Praktiken beigetragen hat. In eben diesem Konfliktfeld verortet der Referent den Ursprung jüdischer Mystik, die das priesterliche Privileg der Tora-Auslegung durchbricht und mit den für Qumran charakteristischen Komplementärphänomenen der Individualisierung religiöser Praxis und der Textualisierung religiöser Erfahrung eine auch historisch nachhaltige „alternative attraction“ bietet. Nicht nur für die intrareligiöse Entwicklung des Judentums, sondern auch in komparativer Hinsicht akzentuierte Nihan die Bedeutung von Ritual und Liturgie als wesentliche Attraktions- und ggf. auch Repulsionsmomente.

Der Beitrag von Ada Rapoport-Albert (London, UK) ’Dropping out’ into Hasidism verlängerte die angesprochene Traditionslinie zeitlich und räumlich zu der Hasidim-Bewegung, die offenbar gerade in der Gegenwart wiederum eine besondere Anziehungskraft auszuüben scheint. In dieser besonderen Erscheinungsform jüdischer Mystik, die auf der einen Seite unverkennbar messianische Züge trägt, andererseits aber auch interreligiöse Einflüsse, etwa aus dem Sufismus, erkennen läßt, wird die Allgegenwart Gottes in der Natur resp. in der materiellen Welt vorausgesetzt und somit diese selbst mit einer eigenen Aura versehen und als spirituell erfüllte Wirklichkeit wahrgenommen. Zu den Charakteristika dieser Bewegung, die die Referentin durch mehrere prägnante Exempel zu veranschaulichen wußte, gehört die wechselseitige (und nicht, wie in vergleichbaren Konstellationen, einseitige) Attraktivität, die sich zwischen einer charismatischen Führerpersönlichkeit und seinem Schüler und Anhänger ergeben muß. Die Beziehungen innerhalb dieses intrareligiösen Netzwerks bestimmen sich daher aus aktiven sowie reaktiven Annäherungs- und ggf. auch Distanzierungsprozessen zwischen Individuen. Auch hinsichtlich der Kultpraxis spielt die Individualisierung als Attraktionsfaktor eine primäre Rolle.

Anhand einer konkreten Fallstudie - Connecting Transcendent Attraction and Attractive Objects: The Case of Elisabeth of Schönau - leitete Anne Clark (Burlington, USA) über zur Tradition christlicher Mystik, die sie vor allem unter dem Gesichtspunkt ihrer liturgischen Einbindung, somit im medialen Kontext diskutierte. Die Visionen der Benediktinerin aus dem 12. Jahrhundert, so die These, seien ohne den unmittelbaren Bezug zur Ritualpraxis, gleichermaßen als Material wie auch als Movens mystischer Attraktion, nicht verständlich. Neben Visualisierung und Textualisierung wurde auf die zentrale Rolle der Musik für die Meditations- und Ekstasetechniken der Mystik hingewiesen. Insgesamt gilt der Referentin zufolge die mystische Erfahrung in der christlichen Tradition als die höchste und umfassendste Artikulation von Religiosität und würde somit einen entscheidenden Attraktionsfaktor innerhalb des monastären Lebens als Möglichkeitsbedingung dieser Transzendenz- und Transzendentalerfahrung darstellen.

Unter dem Titel Enchanted by Intra’s Net: Some Random Reflections on Textual Images of Transcendence and their Role in Religious Contacts untersuchte Jörg Plassen (Bochum, Deutschland) am Beispiel des Avatamsaka sutra und seiner Rezeption innerhalb unterschiedlicher buddhistischer Strömungen sowie der Interpretation durch westliche Philologen strukturale Einflüsse bildlicher Sprachformen, die sich auf transzendente Sphären beziehen und ihrer besonderen Suggestivität, ihrer ästhetischen Qualitäten oder ihrer illustrativen Überzeugungskraft wegen im intra- und interreligiösen Kontakt eine nachhaltige Anziehungskraft ausüben. Ausdrücklich betonte der Referent, der sich dabei unter anderem auf die Arbeiten von Lakoff/ Johnson, Blumenberg und Taureck berief, die Ambivalenz von Sprachbildern, die teilweise sehr unterschiedliche, durchaus gegenläufige und somit tendenziell widersprüchliche Rezeptionsprozesse auslösen können, indem sie religiöse Vorstellungen in andere religiöse oder säkulare Bereiche übertragen oder sich mit anderen, religiösen oder säkularen Inhalten verknüpfen. Mit seinen grundsätzlichen Überlegungen zu Status und Bedeutung von rhetorischen Figuren, bildhafter Sprache und Sprachbildern lenkte Plassen die Aufmerksamkeit erneut auf wichtige Desiderata bei der begrifflichen Unterscheidung und heuristischen Bewertung von intra- und interreligiösen Übersetzungsprozessen.

Mit dem Beitrag von Christoph Auffarth (Bremen, Deutschland) Innerwordly Transcendence as the Attractiveness of the – Material – World to Come: The Third Reich wurden abschließend einige der wichtigsten Fragestellungen der Tagung noch einmal zusammengeführt und dabei sowohl ihre Komplexität als auch ihre kulturgeschichtliche Reichweite verdeutlicht. Zugleich verlängerte der Referent die überwiegend historische Ausrichtung der Diskussion auf die Gegenwart, nicht allein um die thematische Aktualität der Debatte um „religiöse Attraktion“ über die Grenzen des spezifisch religiösen Feldes hinaus zu betonen, sondern auch um damit dem entscheidenden relationalen Aspekt der Betrachterperspektive explizit Rechnung zu tragen. Anhand des millenaristischen Konzepts des „Dritten Reichs“ und seiner Begriffsgeschichte demonstrierte Auffarth exemplarisch die mediale Eigendynamik religiöser Terminologie, die aufgrund ihrer vielfältigen semantischen Verknüpfungen unterschiedlichste Neu- und Umdeutungen erfahren konnte. Offenkundig handelt es sich dabei um mehr und anderes als intrareligiöses Rezeptionsverhalten (wie es sich etwa in der Übernahme und Ausdeutung des Konzepts bei Puritanern, radikalen Pietisten, Adventisten etc. manifestiert). Auffarth konzentrierte seine Ausführungen auf die facettenreiche Frage nach der Rolle und dem Stellenwert religiöser Prophezeiungen und deren erwarteter Erfüllung innerhalb säkularisierter Gesellschaften, so etwa in der „Sattelzeit“ zwischen 1750 und 1850, die das religiöse Konzept des Tausendjährigen Friedensreichs in eine revolutionäre Utopie des Menschengeschlechts verwandelte, oder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das sich seiner zu durchweg unheiligen Zwecken und Zielen bemächtigte, und nicht zuletzt in der Gegenwart, die es in ihre politische und militärische Konfrontationslogik zu integrieren versteht.

Die Klärung jener eigentümlichen Persistenz religiös aufgeladener Begriffe, die – gerade auch durch ihr intra- und interreligiöses Migrationspotential – zu weitgehend autonomen Attraktoren werden und über die Assoziierung mit aktuellen Vorstellungen immer wieder neue Dynamik gewinnen können, gehört zu den wesentlichen Aufgaben einer relationalen Religionsforschung, deren konkrete Anliegen Volkhard Krech (Bochum, Deutschland) in seiner abschließenden Zusammenfassung und thematischen Verortung der unterschiedlichen Tagungsbeiträge noch einmal anschaulich erläuterte. Krech betonte das Forschungsinteresse des Kollegs an den energetischen Bedingungen eines inter- und intrareligiösen Kräftespiels, das einerseits Kultbezirke und -gegenstände auratisiert, ihnen religiöse Wirkung zuschreibt und ihre Charismatik durch diskursive, figurative, performative Attraktionsformen steigert, das andererseits individuelle und kollektive Transzendenzerfahrungen vor einem religiös aufgeladenen Erwartungshorizonts emergieren läßt und durch ihre mediale Interdependenz neue religiöse Netzwerke bildet.

Beteiligte Personen