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Panel | Netzwerkansätze in der Religionswissenschaft

Panel

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Das Doppel-Panel "Netzwerkansätze in der Religionswissenschaft" auf der DVRW-Tagung 2013 ist als Versuch gestartet, die Anwendung eines aktuellen Methodenansatzes aus verschiedenen Perspektiven zu diskutieren. Der im Paneltitel verwendete Begriff der „Netzwerkansätze" zeigt, im Gegensatz zum spezifischeren "Netzwerkanalyse", bereits an, dass nicht die Anwendung einer konkreten Analysemethode im Fokus des Panels stand. In Hinblick auf das Tagungsthema „Theorie und Empirie" sollten vielmehr unterschiedliche Ansätze der Netzwerkforschung diskutiert werden, die im Spannungsfeld zwischen theoretischen Perspektiven (wie etwa die Verflechtungsgeschichte) und konkreten Methoden (wie die quantitative Netzwerkanalyse) stehen.

Der erste Teil des Panels war etwas enger gefasst und stellte die derzeit am Bochumer Centrum für Religionswissenschaftliche Studien durchgeführte Netzwerkforschung vor. Alexander Nagel ging in seinem Vortrag "Gesamtnetzwerke inhaltsanalytisch erheben" von der soziologischen Analyse sozialer Netzwerke aus. Im Gegensatz zu qualitativen oder metaphorischen Netzwerkansätzen bezog sich Nagel dabei auf die quantitative Netzwerkanalyse im engeren Sinne, deren mathematische Grundlagen nur auf Gesamtnetzwerke (im Gegensatz zu Ego-Netzwerken und anderen unvollständigen Netzwerkformen) anwendbar sind. Daher befasst sich Nagel mit der Frage der Netzwerkabgrenzung zwischen nominalistischen und realistischen Zugängen, die in der Diskussion aufgegriffen und in Hinblick auf die Konstruktion religionswissenschaftlicher Gegenstände kritisch diskutiert wurden. Nagel stelle darauf aufbauend Ansätze vor, die sich mit der Erhebung von Netzwerken auf der Grundlage von Dokumentenanalysen beschäftigen.

Dokumentenanalyse stellte ebenso den Ausgangspunkt des Vortrags von Frederik Elwert zur "Netzwerkanalyse religionshistorischer Quellentexte" dar. Am Beispiel des Bochumer SeNeReKo-Projekts zeigte Elwert drei Ansätze auf, den von Nagel vorgestellten Zugang zu erweitern: Durch die Anwendung auf historisches im Gegensatz zu zeitgenössischem Material, durch die Erweiterung auf semantische Elemente (Konzepte, Begriffe) und durch die automatisierte anstatt manueller Erkennung von Netzwerkstrukturen. Methodische Überlegungen verband Elwert dabei mit möglichen Verbindungen zu theoretischen Ansätzen einer relationalen Religionsgeschichte. Netzwerkanalysen, so die These, können eine mögliche Operationalisierung des theoretischen Konzepts des Relationalismus darstellen und somit Theoriebildung und Methodendiskussion in der Religionswissenschaft fruchtbar verbinden.

Ebenfalls im SeNeReKo-Projekt angesiedelt war der Vortrag von Sven Wortmann, der sich mit den praktischen, philologischen Vorarbeiten beschäftigte, die erst die Grundlage für eine automatisierte Textanalyse darstellen. Am Beispiel einfacher Häufigkeitsanalysen argumentierte Wortmann für die Fruchtbarkeit quantitativer Textanalysen. Gegenüber den Vorstellungen, die Philologen aus ihrer Detailkenntnis einzelner Textgruppen entwickeln, können Ergebnisse quantitativer Verfahren überraschende Einsichten gewähren, die neue Impulse für die Beschäftigung mit religionshistorischem Textmaterial geben können.

Der zweite Teil des Panels öffnete das Methodenspektrum in Hinblick auf qualitative Netzwerkanalyse sowie stärker theoretisch ausgerichtete Perspektiven auf Netzwerke. Vanessa Meier und Martin Ackermann präsentierten methodologische Überlegungen und erste empirische Ergebnisse aus dem Berner Forschungsprojekt "Globale Gurus". Ausgehend von Feldforschungen in Indien und der Schweiz diskutierte Meier unterschiedliche methodische Ansätze und votierte für qualitative Methoden der Netzwerkanalyse und insbesondere ego-zentrierte Verfahren. Für die Erforschung von Devotee-Netzwerken stellte Meier insbesondere auf Überlegungen zu Multiplexität und Parallelnetzwerken ab: Die theoretischen Probleme der Gewinnung neuer Devotees einerseits und der Verstetigung der Anhängerschaft andererseits ließen sich in netzwerkanalytische Fragen von Parallelnetzwerken (Überlappung sozialer Kreise) und Multiplexität (Überschneidung unterschiedlicher Beziehungsdimensionen) übersetzen. Ackermann diskutierte dann die Frage, in wie weit der Guru selbst als Teil des Netzwerkes angesehen werden könne und folglich auch in analytischer Hinsicht das Zentrum eines globalen Netzwerkes darstelle. Nach Diskussion unterschiedlicher Kriterien für die Netzwerkzugehörigkeit argumentierte er für die Einbeziehung der Gurus in das Devotee-Netzwerk. Dies könne, ausgehend von den Beschreibungen der Devotees, selbst nach dem Tod der Gurus gelten. Die methodischen Implikationen dieser Entscheidung wurden in der anschließenden Diskussion noch einmal aufgegriffen. Gerade die Idee, auch im sozialwissenschaftlichen Sinne nicht-lebende Akteure in religionswissenschaftlicher Perspektive einzubeziehen fand dabei durchaus positiven Anklang.

In seinem Vortrag "Die Publizistik asiatischer indigen-christlicher Eliten und der Aufbau transkontinentaler Netzwerke zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Das Beispiel der Iglesia Filipina Independiente" erweiterte Adrian Hermann die Perspektive erneut. Ausgehend von einem verflechtungsgeschichtlichen Ansatz zeigte er, wie eine Netzwerkperspektive auch in vornehmlich theoretischer Perspektive fruchtbar gemacht werden kann, um Forschung mit klassischen historischen Methoden durchzuführen. Die Geschichte der Inglesia Filipina Independiente zeige, wie der Verlust (oder die Ablehnung) alter Bindungen – nämlich an die Katholische Mutterkirche – zum Aufbau neuer Bindungen führt. Gerade der Austausch unabhängiger Kirchen aus verschiedenen Ländern Süd- und Südostasiens diente als eindrucksvolles Beispiel, wie die postkoloniale Geschichtsschreibung bei Berücksichtigung einer Netzwerkperspektive globale Verflechtungen in den Blick nehmen kann.

Zeitgenössische Globalisierungsphänomene nahm Anne Koch in ihrem Vortrag "Stretching for donations: Netzwerkanalyse des neoliberalen globalen Yoga" in den Blick. Am Beispiel der Globalisierung des Yoga zeigte Koch, wie sich die Konnotationen der Yogapraxis im Zuge globaler Prozesse verschieben können. Die Kollektivierung und Eventisierung des Yoga könne dabei als neues Element angesehen werden, das früheren (und nach wie vor parallel bestehenden) Assiziationen wie Einkehr und Stille entgegensteht. Mit einem qualitativen Instrumentarium zeigte Kochs Anwendung einer Netzwerkperspektive, wie Verschiebungen in Semantik und Praxis in den Blick genommen werden können. Damit knüpfte der Vortrag trotz der unterschiedlichen Herangehensweise an die Überlegungen zur semantisch-sozialen Netzwerkanalyse von Elwert an.

Das Panel zeigte die große Bandbreite von Netzwerkansätzen in der Religionswissenschaft. Trotz der augenfälligen Unterschiede in der Methodik, insbesondere zwischen quantitativer Gesamtnetzwerkanalyse, qualitativer und Egonetzwerkanalyse und verflechtungsgeschichtlichen Analysen konnten ähnliche Perspektiven identifiziert werden. Damit zeigte das Panel im Hinblick auf das Tagungsthema eine größere Konsistenz in theoretischer Hinsicht: Eine relationale Religionsforschung, auch wenn sie mit unterschiedlichen Methoden durchgeführt werden kann, zeigte sich als vielversprechender und weiter zu diskutierender Ansatz.

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