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Bildliche Mythenrezeption im Mittelalter und der Epochendiskurs moderner Kunsthistoriographie

Ziel des Projekts ist es, ein zentrales Erklärungsmodell der modernen Kunsthistoriographie zur Antikenrezeption zu analysieren, auf seine Gültigkeit zu überprüfen und Alternativen zu diskutieren: das sogenannte Nachleben der antiken Götter im Mittelalter. Auf dem Prüfstein steht damit eine zentrale historiographische Denkfigur, die sich mit Nachlebenmodellen verknüpft: die diachrone Projektion sowohl der Wurzeln einer bestimmten Kultur als auch der radikalen Alterität auf eine spezifische historische Epoche. Denn eine solche polare Spannung wurde den mittelalterlichen Bezugnahmen auf die pagane Kultur der römischen Antike unterstellt und zum distinkten Merkmal gegenüber der Renaissance erhoben. Da der höchste Alteritätsgrad des Mittelalters gegenüber der Antike seiner Haltung zum Bilderkult (Idolatrie) zugemessen wurde, konzentriert sich das Projekt auf die bildliche Rezeption antiker Götterfiguren. Ausgehend von der breiten kunsthistorischen Forschungstradition zur Antikenrezeption des 19. und 20. Jahrhunderts, die sich zu einem großen Teil unter dem vitalistischen Konzept des Nachlebens zusammenschließt, verfolgt das Projekt sein Ziel einer historisch adäquaten Erklärung auf zwei Wegen:

  1. Moderne Nachleben-Konzepte werden anhand maßgeblicher Texte des Untersuchungszeitraums auf die mit ihnen verknüpften expliziten oder impliziten Kultur- und Epochenmodelle hin untersucht. Dabei wird zugleich analysiert, inwieweit die unterstellte Art des Transferverhaltens des Mittelalters gegenüber der Antike das Verhältnis der Moderne zu den von ihr entworfenen Epochen reflektiert, insbesondere in welcher Weise das jeweilige Mittelaltermodell moderner Selbstpositionierung dient.
  2. Eine repräsentative Auswahl konkreter Beispiele künstlerischen Antikentransfers ins Mittelalter wird auf ihre jeweils konkreten historischen Rezeptionsbedingungen und -intentionen hin untersucht, um mögliche Alternativen gegenüber den benannten vitalistischen Konzepten zu entwerfen und zu diskutieren. Besonderes Gewicht liegt dabei auf der kritischen Analyse und Überprüfung des sogenannten Disjunktionsprinzips, das den wissenschaftlichen Diskurs des 20. Jahrhunderts dominiert. Diesem zufolge sollen im Mittelalter Form und Inhalt bzw. Motiv und Thema der klassischen antiken Kunst auseinander gefallen und erst mit Beginn der frühen Neuzeit wieder zusammengekommen sein.
     

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