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Profil

Die laufenden und geplanten Forschungen in CERES werden über ein Forschungsprogramm integriert, das von folgenden Leitgedanken ausgeht:

 

Religion und ihre Beobachtung

Was Religion genannt wird, ist nicht nur eine rein wissenschaftliche Erfindung. Wenn auch die wissenschaftliche Perspektive an der Konstitution des Gegenstandes beteiligt ist, so besitzt Religion dennoch eine Eigendynamik und steht zugleich mit anderen sozialen Sachverhalten in Beziehung.

Relational Religion

„Relational Religion“ bildet den theoretischen Rahmen für eine Sichtweise, derzufolge sich die Eigenschaften einzelner Komponenten des religiösen Feldes nicht nur in Abhängigkeit vom Standpunkt des Betrachters, sondern auch darüber hinaus stets nur in Relation zu anderen religiösen Komponenten sowie zu weiteren sozialen und kulturellen Sachverhalten in Gegenwart und Vergangenheit bestimmen. Das Konzept der „Relational Religion“ setzt keinen a priori gegebenen Religionsbegriff voraus, der an empirische Sachverhalte angelegt wird: Religion entsteht und wird bestimmt in Relationen.
Mit der Perspektive einer „Relational Religion“ soll der Gegenstand keinesfalls relativiert werden: Die Betonung der Relationalität soll vielmehr einen wissenschaftlich objektivierbaren Zugriff auf die beobachtbaren Phänomene ermöglichen.

Komplexe Emergenz

Aus der Sichtweise der „Relation Religion“ wird das religiöse Feld als ein komplexes System verstanden, dessen Komponenten sich in vielschichtigen Emergenzprozessen generieren.
Zugleich kann in historischer Perspektive von einer „Emergenz von Religion“ im Sinne einer fortschreitenden konzeptuellen Abstraktion von „Religion“ gesprochen werden.

Resonanzen und Figurationen

Der Begriff der „Resonanzen“ bezeichnet die Wechselbeziehungen in Gestalt von Impulsen zwischen einzelnen Komponenten, die zu Stimulanz, Intensivierung und Veränderung (einschließlich der Entstehung neuer und Vernichtung bestehender Komponenten) und damit zu Wechselwirkungen im und des religiösen Feldes als Ganzen führen. Der Begriff der „Figurationen“ akzentuiert den Aspekt der Struktur und steht für variierende semantische und soziale Muster, deren Komponenten sich unter dieser Perspektive in ihrer Stellung zueinander bestimmen.

Religiöses Feld

„Religiöses Feld“ umreisst den (zumindest historisch) nur im Vorgriff bestimmbaren und auch der Sache nach flexiblen extensionalen Rahmen, das Kräftefeld der religiösen Resonanzen und Figurationen in ihrer Gesamtheit. „In and beyond“ verweist auf die Wechselbeziehungen innerhalb des Feldes und des religiösen Feldes als Ganzem mit seiner Umwelt und somit auf die variablen Konturen.

Das Religionskonzept

Das, was von heute aus als Religion bezeichnet wird, realisiert sich und wirkt in allen vier grundlegenden Dimensionen dialektischer Prozesse zwischen Psychischem und Sozialem:

  • In dem Wissen, das Orientierung gibt,
  • in den Erfahrungen, die Evidenz erzeugen,
  • in den Handlungen, die dem Planen, Regulieren und Erreichen von Zielen dienen,
  • in der Verarbeitung materieller Grundlagen, die psychische und soziale Entwicklungen mitbestimmen.

In konkreten religiösen Sachverhalten kommen stets alle vier Dimensionen zugleich zum Tragen. Beispielsweise können Handlungen nur auf der Basis eines vorhandenen Wissensbestandes erfolgen, und Erfahrungen generieren Wissen. Dennoch ist es analytisch sinnvoll, das Verhältnis von Religion zu jeder dieser Dimensionen in den Blick zu nehmen, um Entwicklungen in den einzelnen Dimensionen und damit letztlich auch in deren Zusammenwirken besser erfassen zu können.

Religion stattet Wissen, Erfahrungen, Handeln und den Bezug zur (ebenfalls bereits in der gesellschaftlichen Kommunikation kodierten und psychisch repräsentierten) Materie mit einem spezifischen transzendenten Sinn aus und stellt somit eine besondere Form der Kontingenzbearbeitung dar.
Geht man davon aus, dass sich das religiöse Feld durch intra- und interreligiöse Aushandlungsprozesse sowie nach außen in Resonanz mit anderen gesellschaftlichen Bereichen immer wieder neu figuriert, so lassen sich jeweils endogene und exogene Bedingungen, Formen und Folgen religiöser Prozesse erforschen.

Anhand von Untersuchungen zur materialen Religionsgeschichte und ausgehend von den genannten Theoremen soll zugleich eine der Religionsgeschichte angemessene Theorie erarbeitet werden.

Operationalisierung des Forschungsprogramms

Das Forschungsprogramm umfasst die folgenden Themenfelder:

  • A: Emergenz des religiösen Feldes
  • B: Religion & Wissen
  • C: Religion & Erfahrung
  • D: Religion & materielle Grundlagen
  • E: Religion & Handeln

Das Themenfeld A lenkt den Blick auf das Feld in seiner Gesamtheit, während die Themenfelder B bis E jeweils eine Dimension sowie die Wechselwirkung von Religion mit entsprechenden gesellschaftlichen Bereichen hervorheben.

Im Verlauf gesellschaftlicher Differenzierung bilden sich mit den Bereichen von Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Gesundheit, Politik, Recht und Erziehung weitere Felder heraus, denen jeweils eine der Dimensionen primär entspricht.

Gerade im interkulturellen Vergleich kann dabei von einem einheitlichen und unilinearen Differenzierungsprozess, wie es ältere Modernisierungstheorien unterstellen, nicht die Rede sein. Vielmehr ist von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen und von Konjunkturen der Differenzierung und Entdifferenzierung zu unterschiedlichen Zeiten und unter verschiedenen sozio-kulturellen Bedingungen auszugehen.

Aber auch dort, wo keine derart ausgeprägte gesellschaftliche Differenzierung gegeben ist, bestehen andere als religiöse Bearbeitungsformen der unterschiedlichen Dimensionen, die sich von Religion emanzipieren (Säkularisierung) oder unabhängig von ihr existieren und mit dem religiösen Feld in Wechselbeziehungen stehen.

Somit ist das religiöse Feld als Ganzes zugleich den Definitionsbestrebungen und der eigenlogischen Übergriffigkeit anderer gesellschaftlicher Sphären ausgesetzt, etwa Politik, Recht, Wirtschaft, Wissenschaft, Medizin, Kunst und Erziehung. Die Dynamiken in der Religionsgeschichte und die Außengrenzen des religiösen Feldes sind daher nicht nur durch Religionskontakte geprägt, sondern auch Teil gesellschaftsstruktureller Bewegungen.

Koordination